Zur Person:
Krieg, Liebe, Besatzung - das sind die Themen, aus denen der französische Nobelpreisträger für Literatur Patrick Modiano seine Inspirationen schöpft. Egal, ob in seinem jüngsten Buch "Der Horizont", in "Unfall in der Nacht" oder "Aus tiefstem Vergessen", der 69-Jährige beschreibt in seinen Werken Erinnerungen an seine unglückliche Kindheit im Paris der Nachkriegszeit. "Ich versuche bei den Menschen und den Dingen die Schicht des Vergessens zu durchstoßen", sagte der medienscheue Autor in einem seiner wenigen Interviews vor etwas mehr als einem Jahr. Modiano wurde am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer flämischen Schauspielerin geboren. Beide hatten sich während der deutschen Besatzungszeit kennengelernt. Modiano wuchs zunächst bei den Großeltern auf und verbrachte dann seine Jugend im Internat. Der Tod seines zehnjährigen Bruders war ein Schock für ihn. Modianos Arbeiten von 1967 bis 1982 sind ihm gewidmet. Im Jahr 2010 erhielt der Franzose den Preis der SWR-Bestenliste für "Place de l`Étoile". Das Buch, mit dem er in Frankreich unter demselben Titel 1968 sein Debüt feierte, handelt von einem jungen Mann in Paris zur Zeit des Nationalsozialismus. In dem Roman beschreibe der Autor "Erinnerungsbilder aus der Vergangenheit, die viele Schattierungen von Sehnsucht aufweisen", hieß es damals in der Begründung. In Frankreich gilt Modiano deshalb auch als Autor gegen das Vergessen. Modiano hat rund 30 Bücher verfasst. Er ist mehrfach preisgekrönt: Im Jahr 1978 erhielt er für "Die Gassen der dunklen Läden" den begehrten französischen Prix Goncourt. 2012 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet.



Vergabe nach alten Regeln:
Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 von der Schwedischen Akademie in Stockholm vergeben. Die Auswahl der Preisträger läuft streng nach Tradition. Denn Zusammensetzung und Arbeitsweise der Sprach-Akademie richten sich nach Regeln, die auf die Gründung des Gremiums 1786 zurückgehen. Bis zur endgültigen Abstimmung über einen Preisträger liegt die Hauptarbeit beim Nobelkomitee mit fünf Mitgliedern. Über die Beratungen für den Nobelpreis muss 50 Jahre Stillschweigen bewahrt werden. Die Auswahl der Kandidaten verläuft schrittweise. Zuerst lädt das Nobelkomitee 600 bis 700 Personen oder Organisationen dazu ein, geeignete Literaten für das kommende Jahr vorzuschlagen. Spätestens bis zum 31. Januar müssen die Vorschläge in Stockholm vorliegen. Für 2014 gab es 210 gültige Vorschläge. Das Nobelkomitee erstellt Namenslisten, die in der Akademie schließlich auf fünf Kandidaten reduziert werden. Jedes Akademie-Mitglied (zurzeit 17) - darunter schwedische Schriftsteller, Linguisten, Historiker und andere - beschäftigt sich dann mit dem Werk der Nominierten. Anfang Oktober wird der Preisträger durch Wahl bestimmt. Er muss mehr als die Hälfte der Stimmen bekommen. (dpa)

Stockholm (dpa) l Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an den 69-jährigen Franzosen Patrick Modiano. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit. Er wird für seine "Kunst der Erinnerung" geehrt. Die Werke des Literaten spielen oft in dem von Deutschen besetzten Paris während des Zweiten Weltkriegs oder in der Nachkriegszeit. Die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt geht damit zum 15. Mal nach Frankreich.

Modianos Romane wie "Die kleine Bijou" und "Eine Jugend" hat der Österreicher Peter Handke ins Deutsche übersetzt. Bekannte Werke sind auch "Der Horizont" und "Place de l`Étoile".

Modianos aktueller deutscher Verleger zeigte sich wenig überrascht. In den vergangenen zwei Wochen sei Modiano ein heißer Kandidat gewesen, sagte Hanser-Verleger Jo Lendle auf der Frankfurter Buchmesse. Er kündigte an, dass der neue Roman des Autors, "Gräser der Nacht", vorgezogen werde und bereits sehr bald auf den Markt komme.

Nach Einschätzung seiner schwedischen Verlegerin Elisabeth Grate dürfte die Auszeichnung dem menschenscheuen Franzosen einen Schreck einjagen. "Ich glaube, das ist ein Schock für ihn."

Modiano, der der 111. Literaturnobelpreisträger überhaupt ist, sei "ein Marcel Proust unserer Zeit", sagte Peter Englund, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie. Er schreibe "sehr elegante Bücher, aber sie sind nicht schwierig zu lesen". Er sei in Frankreich sehr bekannt und vielgelesen, "aber darüber hinaus nicht sehr". Paris tauche sehr oft in seinen Büchern auf, er kenne die Stadt in- und auswendig, sagte Englund über den in der Pariser Vorstadt Boulogne-Billancourt geborenen Modiano.

Zuletzt hatte 2008 ein Franzose den Nobelpreis für Literatur bekommen: der heute 74-jährige Jean-Marie Gustave Le Clézio.

Englund erläuterte die Entscheidung für Modianos Arbeit: "Ein großes Werk. Er hat insgesamt um die 30 Bücher geschrieben, hauptsächlich Romane, aber auch Kinderbücher, Drehbücher." Es seien kleine Bücher, "die immer Variationen desselben Themas sind, die Erinnerung an Verlust".

Der Literaturkritiker Denis Scheck (ARD-Sendung "Druckfrisch" und "Volksstimme Bücher-Scheck") zeigte sich begeistert von der Entscheidung: "Der Preis geht an einen Autor, der in seinem Werk scheinbar Unvereinbares miteinander verbindet, der ein gleichermaßen souveräner Artist und besessener Archivist ist."

Im vergangenen Jahr hatte die kanadische Kurzgeschichten-Autorin Alice Munro den Literaturnobelpreis erhalten. Letzte deutschsprachige Preisträger waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999).

Der Literaturnobelpreis ist mit umgerechnet 880000 Euro dotiert.