Magdeburg l Die Regisseurin Anja Panse schlägt auf jeden Fall konventionelle Klischees in Scherben. Ein kluger Einfall ermöglicht ihr, jede noch so absurde Idee logisch und stimmig zu verorten: Die gesamte Handlung entspringt einem Albtraum des Richters Adam. Und damit ist die Regisseurin dicht bei Kleist, in dessen Werken Träume häufig eine dramaturgisch wichtige Rolle spielen.

Bei Anja Panse haben auch alle die viel zu spielen, die nicht viel zu sagen haben. Aber es heißt ja auch Schauspiel und nicht Sprechtheater. Es wird getanzt und gesungen, und einige kostümieren sich vor aller Augen oder ziehen sich bis auf die (ästhetisch verhüllte) nackte Haut aus, um Adam und Eva zu mimen, während die Schlange aus dem Paradies über den Dachboden züngelt und verführt. Das Geschehen wechselt aus der Gerichtsverhandlung zu Huisum rüber nach Wildwest im Heustadl und dann in eine Operndarbietung (Musik: Olaf Taranczewski), und immer in Sphären, welche die Ausweglosigkeit signalisieren, moralische und justiable Schuld zu unterscheiden.

Für alle diese Seltsamkeiten baute Annette Meyer (auch Kostüme) eine riesige Scheune, die die ganze Bühne ausfüllt. Die Darsteller nutzen diese Kons-truktion als Klettergerüst, und was am Anfang der neunzig Minuten Spieldauer als bloße Spielastik erscheint, formt sich am Ende zu verblüffendem Sinn.

So auch die Figurenführung. Sonka Vogt gestaltet Eves Angst, Hilflosigkeit und Enttäuschung emotional berührend. Dennoch bleibt die Figur glaubhaft Teil von Adams Angsttraum. Ebenso wie Franziska Reincke als Schreiber(in) Licht und Iris Albrecht als Frau Brigitte, die den quasi surrealistischen Gestus nur dann und wann bedienen.

Den Dorfrichter Adam gibt Sebastian Reck als einen beinahe liebenswerten Menschen, der von seiner sozialen Rolle überfordert ist und mehr und mehr in Verwirrung und Panik gerät. Reck, denn Adam ist ja der Träumende, spielt geradezu realistisch in einem Umfeld, wo andere Personen um ihn herum traumumflort agieren, einfach am Rad des Irrsinns drehen oder den Gag provozieren wie Raimund Widra als Büttel oder Lena Sophie Vix als Magd.

Widra und Vix wie auch Thomas Schneider als Veit Tümpel und Raphael Gehrmann als Ruprecht bilden geradezu Komikerduos, deren Tun gelegentlich außer Rand und Band gerät. Dennoch ordnet sich dies alles zu einem Bild, das die Bedrückungen der Geschichte verdeutlicht. Auch wenn man sich mehrfach ein Brett vor den Schädel schlägt oder gegen einen Pfosten rennt.

Timo Hastenpflug spricht den Gerichtsrat Walter im Falsett, das ist ebenso absurd wie die abgefahrene Diktion der Susi Wirth als Marthe Rull, dass man vermuten könnte, hier wird der vielumjubelte Herbert Fritsch nachgeäfft. Fehlanzeige. Der Regie und den Schauspielern gelingt ganz Eigenes. Scherze, die als wohlfeile Comedy anfangen, derer man hier und da überdrüssig ist, entfalten sich inhaltlich sinnreich. Aus der Geduld des Zuschauens entwickelt sich irgendwann das Vertrauen in zielgerichtete Zusammenhänge.

Es muss für die Crew eine Lust sein, sich einfach mal so hingeben zu dürfen dem Affen, den man mit Zucker füttert, ohne dass ein Stück-Schaden verursacht wird, sondern Kleist ganz anders zeigt.

Die Regisseurin verliert sich zwar hin und wieder im Gestrüpp ihrer und der Schauspieler überquellenden Einbildungsreichtum, aber genau besehen baut sie einen Kaufmannsladen auf, wo sich jeder auswählen kann, was er braucht, um unterhalten zu werden und zugleich Welterfahrung zu erspüren.

Es war nur der Traum von einem Prozess. Der Albtraum Realität kommt immer später.