Berlin (dpa) l Es ist ungewöhnlich, dass sich ein renommierter Schriftsteller und ein angehender Journalist Briefe schreiben, in denen kaum ein Wort über Literatur fällt. In der nun veröffentlichten Korrespondenz zwischen Günter de Bruyn und dem heutigen "Spiegel"-Reporter Stefan Berg unter dem Titel "Landgang" steht vielmehr der Alltag eines jungen Soldaten im Vordergrund.

Ost-Berlin, 1982: Der 17-jährige Berg muss entscheiden, ob er als regulärer Rekrut oder als sogenannter Bausoldat, der in der Regel nicht militärisch ausgebildet wurde, seinen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee der DDR antreten soll. In einer pazifistischen Familie aufgewachsen, will der Oberschüler nicht an der Waffe dienen. Er weiß um die Schikanen, mit denen er durch eine Verweigerung zu rechnen hat. Doch die Baukompanie scheint das geringere Übel zu sein.

Ohne Berührungsängste

Anlass für Bergs ersten Brief an den DDR-Autoren de Bruyn ("Buridans Esel") ist dessen Rede vom Dezember 1981, in der er beklagt, dass die DDR nur die westeuropäische Friedensbewegung unterstütze, nicht aber auch die im eigenen Land ("dass das drüben bejubelte hüben unerwünscht ist"). Seine Forderung nach einer Art Zivildienst, den es in der DDR bis nach dem Mauerfall nicht geben wird, hinterlässt bei Berg einen bleibenden Eindruck. Und so beginnt der Briefwechsel.

De Bruyn, Jahrgang 1926, gehörte schon damals zu den bedeutendsten deutschsprachigen Romanciers und Essayisten. Er hatte den Heinrich-Mann- und den Lion-Feuchtwanger-Preis erhalten und saß im Präsidium des PEN-Zentrums der DDR.

Berg hatte aber keine Berührungsängste. Auf dem "Landgang"-Cover ist sein handgeschriebener, erster Brief an de Bruyn vom Neujahrstag 1982 gedruckt. Schiefe Zeilen, hier und dort durchgekrakelte Wörter, neue Formulierungen und nachträgliche Einfügungen - es scheint, als habe Berg keinen Gedanken daran verschwendet, in welcher Form man sich einem bekannten Schriftsteller wie de Bruyn nähern müsse. Und es zeigt auch, welche Forschheit dem jungen Berg innewohnte.

Aber de Bruyn antwortete. "Das war für mich eine große Ermutigung und Hoffnung", sagte Berg kürzlich in einem Interview. Die Briefe des Schriftstellers müssen ihm wohl wie ein Anker der Zivilisation im Bausoldatenalltag an der Ostsee vorgekommen sein. Auf der einen Seite habe es die "verkrüppelte Armeesprache" gegeben, so Berg. "Und dann kam so eine ganz andere Tonlage eingeflogen."

Die veröffentlichten Briefe ziehen sich bis ins Jahr 1984 hinein und sind von Bergs Impulsivität und Aufmüpfigkeit geprägt. Er schreibt ganz offen, dass ihn "mehr politische als religiöse Motive" in die Baukompanie getrieben hätten. Oder dass er für einen von ihm organisierten Leseabend ein Bild von Staatschef Erich Honecker und eine DDR-Fahne abnehmen habe müssen - "tat uns ja echt leid", fügt er ironisch an. Die stattdessen aufgestellten Tische und Scheinwerfer seien aber "wesentlich praktischer + nützlicher" gewesen.

So verschlossen und zurückhaltend sich de Bruyn meist gibt, so offen ist Berg. Neben dem Soldatenalltag geht es um Fragen von Frieden und Militarisierung, von Gehorsam und Ungehorsam, von Rübermachen oder Dableiben. "Bitte seien Sie vorsichtig in ihren Diskussionen. Was ich ungestraft sagen kann, kann Ihnen schlecht bekommen", zügelt de Bruyn den Drang seines Gegenübers. Jahre später erinnert er sich an den "sensiblen Jungen, der die übliche Spaltung zwischen verschwiegener eigener und verlautbarter Meinung nicht mitmachen wollte".

Beklemmende Note

Und tatsächlich stellt sich nach der Wende heraus, dass nicht nur zwei Augenpaare mitgelesen haben, sondern dass die Staatssicherheit die Briefe abgefangen und ausgewertet hat. Und so schließt "Landgang" denn auch mit den Stasi-Akten, die am Beispiel Berg zeigen: Das Ausspitzeln begann nicht erst mit seiner Zeit als eigensinniger Bausoldat, sondern schon viel früher.

Bereits seine Klassenlehrerin meldete über den 15-jährigen Schüler, dass er "ein sehr großes Geltungsbedürfnis" habe. Trotz Bergs Kühnheit erhält der Briefwechsel spätestens hier eine beklemmende Note.