Berlin l Nofretete wird lebendig und entsteigt ihrer Vitrine im Museum. Sie ist jung und schön, glänzt golden und tanzt grazil. Das Museum erwacht. In der Stadt herrscht schon Leben.

Tänzer proben an der Stange, Breakdancer sind unterwegs, Punks, Rapper, shoppende Luxusgirls, ein BMX-Fahrer, Fitnessgurus. Ufa-Sternchen singen. All die Paradiesvögel Berlins finden sich zur berauschenden Party ein. Intergalaktische Wesen, ihre Herzen leuchten weiß als helle Sterne, schweben von der Decke mitten hinein in den Großstadtdschungel. Oh, wie crazy ist Berlin - findet zumindest der Nicht-Berliner.

Auf der Kuppel des Fernsehturmes, hoch oben auf dem Mast, trifft sich ein Pärchen. Der Himmel hinter ihm ist weit. In der Ferne die Lichter der Stadt. Sterne funkeln. Da, denkt sich der staunende Zuschauer, muss es liegen, das von den Solisten besungene Reich zwischen Himmel und Erde.

"The Wyld - Nicht von dieser Welt" gilt als aufwändigste Produktion außerhalb von Las Vegas. Mehr als zehn Millionen Euro hat sich das Revue-Theater die neue Show kosten lassen - mehr als jedes Budget zuvor. Bei so viel Geld und Risiko muss Berndt Schmidt, seit 2007 Intendant und Geschäftsführer des Palastes, die Besten des Fachs an seiner Seite wissen. Er setzt auf gestandene Macher. Für die neue Show holte er Modezar und Parfümschöpfer Manfred Thierry Mugler, Lichtdesigner Alain Lonchampt, der für Künstler wie Joe Cocker tätig war, und Choreograf Brian Friedman, der für Britney Spears, Cher, Beyoncé und Mariah Carey arbeitete. Roland Welke, seit 2011 verantwortlicher Kreativdirektor des Hauses, hatte die Zusammenarbeit mit einer chemischen Reaktion verglichen. Er sprach vom Unvorhersehbaren, Unerwarteten, Faszinierenden, das entstünde.

Begeisternde Athletik und freier Fall am Bungee-Seil

Unerwartet ist der Beginn. "The Wyld" startet behäbig. Die Bühne ist ein schwarz gestrichener Probenraum, die Tänzer üben unter den gestrengen Anweisungen ihres Lehrmeisters. Die Szene erinnert an den Film "Fame". Tänzer in labberigen T-Shirts, deren Waden von dicken Socken gewärmt werden. Noch mal Aufstellung und noch einmal. Es zieht sich hin, dieses Vorgeplänkel. Es vergehen zu viele Minuten, bis es losgeht mit der Show der Farben und des Lichts, des Tanzes, der Akrobatik am Boden und in der Luft, der Musik, des Gesanges. Eine Pudel-Dressur gibts auch. Warum nur flitzende, springende, hüpfende, putzig geschorene Hunde? Niedlich ist das anzusehen, mehr nicht.

Begeisternd aber die Athletik der vier ukrainischen Männer von "White Gothic" und die innovative Luftdarbietung des Duos Markow. Heller Aufschrei im Publikum beim freien Fall am Bungee-Seil. Wirklich stark immer wieder das viel Haut zeigende Ballett, dessen Damen, berühmt und wieder beklatscht für die längste Beinreihe der Welt, sich auch abseilen lassen für einen geschmeidigen Tanz hoch über dem Bühnenboden. Das ist Revue. Das ist Friedrichstadt-Palast.

Vor allem im zweiten Teil sind all diese Körper gepackt in schillernde, teils überbordende Kostüme: Hier kommt die Extravaganz à la Manfred Thierry Mugler. Er fordert mit seinen Ideen unsere Sinne. Wie nur all das Schräge, Schöne, Sinnliche, Skurrile, Wilde, Futuristische aufnehmen, verarbeiten? Die Show nimmt richtig Fahrt auf, die Möglichkeiten der High-Tech-Bühne lassen immer wieder Staunen. Musiker verschwinden, eine Showtreppe kommt aus dem Nichts, hebt und senkt sich und wird größer und größer. Party wird ausgelassen gefeiert im Keller, der sich langsam hebt.

Licht, Bewegung und Musik vereinen sich zu berauschenden Bildern. Das ist vom Allerfeinsten.

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