Magdeburg l In den Musikhochschulen geht es für angehende Dirigenten zunächst ums musikalische Handwerk, Partituren zu lesen und analysieren zu lernen. Zwei Klaviere simulieren das komplette Orchester, ausreichend, um die Technik des Dirigierens zu erlernen. Wichtig ist zudem, dass der Orchesterleiter für die knappen Probenzeiten genaue Abläufe festlegt, also bereits vor Probenbeginn entscheidet, wie er ein Stück gestaltet.

Während es meist noch gute Kooperationen mit Orchestern und Hochschulensembles für das praktische Training gibt, kommt an fast allen Instituten die Kunst des Vermittelns zu kurz. Bei Standardwerken kein Problem: "Eine Brahms-Sinfonie muss ich gestandenen Orchestermusikern nicht erklären", sagt der Dirigent Johannes Rieger, Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters.

Am Computer erdachte Klänge erstmals im Sinfonieorchester

"Schwieriger wird es bei Neuer Musik, unbekannten, sperrigen Werken. Da ist eine Vermittlungsarbeit, eine Kommunikationsfähigkeit nötig, die so kaum an den Hochschulen gelehrt wird." Denn auch bei den Orchestermusikern ist Neue Musik in der Regel eher ein Randthema. Auf den Konzertplänen ist sie rar, viele Spezialensembles übernehmen, ähnlich wie in der Alten Musik, dieses Repertoire. "Es kommt also immer darauf an, wie offen Musiker sind. Sie müssen einfach das Herzblut dessen spüren, der vor ihnen am Pult steht."

Ganz Ähnliches erleben sie bei den Orchesterwerkstätten, die den seltenen Luxus erlauben, Musik mit anwesenden Komponisten zu diskutieren. Davon profitieren nicht nur die jungen Komponisten, die ihre oftmals am Computer erdachten Werke erstmals im Sinfonieorchestersound erleben, sondern auch die Musiker, die plötzlich nicht nur als Ausführende, sondern auch als Berater gefragt sind.

Dass die Dirigentenwerkstatt an einem so kleinen Haus wie dem Nordharzer Städtebundtheater mit nur 36 Orchestermusikern stattfindet, hat für Johannes Rieger noch einen anderen positiven Aspekt: "Keiner der Absolventen fängt sofort an großen Häusern in Berlin oder München an, sondern in der Regel als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung an einem kleinen Haus wie unserem. Dort betreut er die szenischen Proben, ersetzt dabei das Orchester am Klavier und studiert mit den Sängern die Partien ein. Irgendwann darf er eine Vorstellung nachdirigieren und wechselt dann vielleicht als Dirigent an ein anderes Haus."

Werkstadtproben sind öffentlich

Aus den zahlreichen Bewerbungen für die international besetzte Dirigentenwerkstatt wurden sechs Dirigierstudenten ausgewählt. Sie stammen aus Korea, Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland. Die Leitung übernimmt der französische Dirigent Jean-Philippe Wurtz, der als Begründer des Straßburger "Ensemble Linea" ein ausgewiesener Experte für Neue Musik ist.

Die Werkstattproben in Halberstadt sind für Interessierte öffentlich, ebenso wie die Generalprobe in Quedlinburg. Das Abschlusskonzert in Quedlinburg am 20. November präsentiert neben Werken von György Ligeti, Wim Henderickx und Claude Debussy auch ein Werk des jungen Berliner Komponisten Caspar di Gelmini.