Magdeburg l Das Ensemble des Schauspiels Magdeburg spielt in allen Sälen, die zur Verfügung stehen. Ob Bühne, Studio oder Probebühne, jedem Ort ordnet man die zu ihm passende Produktion zu. Jetzt gibt es im Foyer des Schauspielhauses als Ein-Mann-Stück "Werther!" von Johann Wolfgang Goethe, bearbeitet von Nicolas Stemann. Das Publikum spendete der Magdeburger Premiere am Sonnabend viel Beifall.

Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" erschien 1774 und trat einen unglaublichen Siegeszug durch ganz Europa an. Fast genau 200 Jahre später eroberte der Bestseller des Weimaraners in einer Bearbeitung von Ulrich Plenzdorf mit dem Titel "Die neuen Leiden des jungen W." die Bühnen nicht nur der DDR, sondern wiederum die des gesamten Kontinents. Bis zum nächsten Siegeszug des Textes dauerte es dann jedoch nur 25 Jahre: Nicolas Stemann transportiert 1997 Werthers Geschichte ein weiteres Mal in ein neues Zeitalter und landet prompt einen Volltreffer.

Goethe scheint es gewusst zu haben: "Es müsste schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der `Werther´ käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben."

Während Plenzdorf aber ein "vollwertiges" Ensemblestück mit einem Protagonisten präsentiert und dessen gesamtes gesellschaftliches Umfeld unter die Lupe nimmt (nicht umsonst gab es zunächst Schwierigkeiten mit den Gralshütern des Sozialismus!), beschränkt sich Stemann wie Goethe auf die ganz subjektive Erlebniswelt des Helden. In einer Mischung von Lesung, Monolog und Performance versetzt sich ein Schauspieler in Werthers Geschichte und überschreibt den alten Text wiederum mit der Sicht einer anderen Generation.

Griff zu Reclamheft und Mikrofon

Der Schauspieler Raimund Widra, jugendlich und mit Ausstrahlung, ein junger W., stellt sich dem Unterfangen, Goethes Werther ins Jahr 2014 zu rücken. Er braucht dafür Tisch, Stuhl und die Requisiten einer neuen Zeit: Mikrofon, Kamera, Tontechnik und natürlich Scheinwerfer. Widra greift zu Reclamheft und Mikro und liest. Nach wenigen Zeilen trennt er sich, nicht vom Text des Autors, aber vom Buch und legt los.

Der Abend ist kein leichter, nicht fürs Publikum, dem er hohe Konzentration abverlangt, nicht für den Darsteller, der einen schwierigen Text zu verlebendigen hat. Bloße Rezitation ist da ausgeschlossen. Widra spricht Goethes Literatur, als seien die Worte eben seiner Empfindung entsprungen. Und es ist verblüffend, wie gegenwärtig dank der schauspielerischen Imagination plötzlich die Sprache des Dichters erscheint, als fände hier einfach nur die überquellende Emotionalität der Figur den passenden Ausdruck. Raimund Widra agiert fortwährend unter Strom. Er spielt ständig mit dem ganzen Körper, nicht nur, wenn er in der Euphorie über Tisch und Stuhl geht, auch wenn er sitzt. Widra und Werther werden eins. Doch Regisseur Maik Priebe (und Autor Nicolas Stemann) und sein Schauspieler verlieren sich nicht in komödiantischer Illustration des Sturm und Drang. Sie verorten die Geschichte im 21. Jahrhundert, mit dem musikalischen Sound der Gegenwart, mit dem übermütigen oder verzweifelten Spiel mit der Kamera und ja, sogar mit Späßchen, denn der Abend ist auch Entertainment. Häufig kommt Ironie ins Spiel. Mehrfach begibt sich Widra ins Publikum, spricht die Zuschauer direkt an, erheischt ihre Meinung.

Und wie kommt Widra/Werther aus der Geschichte raus? Wie Goethe auch: Er liefert einen lakonischen Bericht von Tod und Begräbnis des Helden.

Widra (und Priebe und Stemann) schaffen den Brückenschlag: Goethe verträgt uns; wir vertragen Goethe. Wieder einmal ist der "Werther" vorm Vergessen bewahrt. Ob der Abend bloß eine besondere Art Bildungserlebnis bleibt oder das derzeitige Lebensgefühl junger Menschen widerspiegelt, wie es seinerzeit der Werther des jungen Goethe und später der Edgar Wibeau tat, mag jene Generation entscheiden, die gerade ihre Werther-Epoche erlebt.

Nächste Aufführungen: 8. November und 5. Dezember