Berlin (dpa) l Eigentlich sollte Patrick Modianos neues Buch "Gräser der Nacht" erst Anfang 2015 auf Deutsch erscheinen. Doch dann kam der Literaturnobelpreis, und der Hanser Verlag beeilte sich, den Termin vorzuziehen. Der schmale Roman liegt also schon jetzt druckfrisch in den Buchhandlungen. Eine gute Gelegenheit für deutsche Leser, in das Werk des hierzulande noch wenig bekannten französischen Schriftstellers einzusteigen.

"Gräser der Nacht" ist einerseits ein typischer Modiano, denn der Schauplatz ist auch hier wieder Paris. Andererseits spielt der Roman nicht wie die meisten Werke von ihm in der Zeit der deutschen Okkupation, sondern in den 1960er Jahren. "Gräser der Nacht" führt zurück in ein Paris, wie wir es aus alten Schwarzweiß-Filmen kennen. Das Viertel Montparnasse wurde noch nicht von dem markanten Wolkenkratzer beherrscht. Es war bevölkert von kleinen, etwas schmuddeligen und schlecht beleuchteten Kneipen und Hotels, in denen sich undurchsichtiges Volk herumtrieb, Bohemiens und Kleinkriminelle, die Grenzen verliefen fließend.

Jean ist zweifellos das Alter Ego von Modiano

Notizen hielt man damals noch in schwarzen Kladden fest. In einem solchen Notizbuch stößt der Ich-Erzähler Jean Jahrzehnte später auf Namen von Personen, Telefonnummern, Adressen von Hotels, die in einem gewissen Moment seines Lebens eine Rolle spielten. Zu jener Zeit war er ein junger Mann, der sich damit begnügte, in den Tag hineinzuleben: "Ich hatte damals keinen Anspruch auf irgendetwas und keine Legitimität. Weder eine Familie, noch ein festes gesellschaftliches Umfeld. Ich triftete in der Luft von Paris."

Jean, der später ein bekannter Schriftsteller wird, ist zweifellos ein Alter Ego von Modiano. Auch dieser machte in seiner Jugend eine "merkwürdige, chaotische" Phase durch, fünf Jahre, die wie eine merkwürdige Parenthese in seinem Leben erscheinen, wie er unlängst in einem Zeitungsinterview zugab: "Ich war mir selbst überlassen. Eine Zeit seltsamer Begegnungen mit älteren Menschen, die mir ein Gefühl ständiger Gefahr vermittelten. Auch das damalige Paris war ziemlich beunruhigend."

Ein Gefühl der Bedrohung durchzieht den Roman

Ein untergründiges Gefühl der Beunruhigung und Bedrohung durchzieht auch den Roman. In der Cité Universitaire trifft Jean Dannie, die sich unter wechselnden Identitäten durch Paris bewegt. Die junge Frau hat einen zwielichtigen Freundeskreis, der im Unic Hôtel wohnt und sich in den Cafés des Quartier Latin trifft. Was hat es mit diesen Männern auf sich, und ist Dannie etwa selbst in kriminelle Machenschaften verwickelt?

Eine Spur scheint zum marokkanischen Geheimdienst zu führen. Zu jener Zeit wird in Paris ein marokkanischer Exilpolitiker entführt und ermordet. Haben Dannie und ihre Freunde etwas damit zu tun?

Später wird Jean von der Pariser Polizei dazu vernommen. Doch er kann wenig zur Aufklärung beitragen. Denn obwohl er immer wieder mysteriöse Hinweise erhält, bleibt er in der Rolle des passiven Beobachters: "Mir ist, als hätte ich sie alle in jener Zeit wie hinter der Scheibe eines Aquariums gesehen, und diese Scheibe trennte uns, sie und mich." So verschwindet Dannie aus seinem Leben, ohne dass er ihre wahre Identität enthüllt. Es bleibt alles im Vagen, Unbestimmten, Ungefähren, weil er es genau so will.

"Gräser der Nacht" ist keine Kriminalgeschichte, auch wenn der Roman in Teilen den Eindruck erwecken mag. Modianos Thema ist vielmehr die Suche nach der verlorenen Zeit. Eine melancholische Rückbesinnung bei Spaziergängen durch Montparnasse: "Sonntage, vor allem spätnachmittags und wenn du allein bist, reißen eine Bresche in die Zeit. Du musst bloß durchschlüpfen."

Gekonnt verwebt der Roman die verschiedenen Zeitebenen. Modiano erzählt keine lineare, logisch in sich geschlossene Geschichte, sondern er imitiert, wie Erinnerung funktioniert - sprunghaft, tastend, selektiv und auch ein bisschen wehmütig. Das gelingt ihm meisterhaft.

Patrick Modiano: Gräser der Nacht, Hanser Verlag, München, 176 S., 18,90 Euro.