Quedlinburg l Ein Weihnachtsmärchen, das die letzten Dinge thematisiert? Vom Leben und Sterben? Genau das sind "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren. Aufgeweckte, hell wache Kinder und Eltern verfolgten die Premiere des Nordharzer Städtebundtheaters am Sonnabend im Quedlinburger Großen Haus.

Es war ungewöhnlich still. Kein Kind weinte oder ängstigte sich bei der nach dem gleichnamigen Roman Astrid Lindgrens entstandenen Theaterfassung. Allerdings waren auch die Lacher verhaltener und nachdenklicher.

Der Hamburger Verlag für Kindertheater Weitendorf hat die creme de la creme im Angebot. Ein grandioses Werkverzeichnis großer Literatur:

Ende, Funke, Goethe, Kästner, Kipling, Krüss, Lagerlöf, Maar, Nöstlinger, Preußler, Shakespeare, Twain, Verne - und eben auch Astrid Lindgren.

In das sagenhafte Land Nangijala kommt man, wenn man stirbt. Das erzählt Jonathan Löwe (Sebatian Borucki) seinem todkranken Bruder Karl (Curdin Caviezel), genannt Krümel. Die beiden Jungen haben sich ungeheuer lieb, sie machen für den anderen alles. Und genau da, in Nangijala im Kirschblütental, finden sich die Brüder nach ihrem Tod tatsächlich wieder.

Doch auch hier ist das Leben nicht friedlich, sondern bedarf des listigen Kampfes: Der Tyrann Tengil unterdrückt die Bewohner im Heckenrosental und kontrolliert sie mit dem Drachen Katla. Jonathan und Karl beschließen zu kämpfen; sie werden zu den Brüdern Löwenherz - wie ihr großes Vorbild Richard Löwenherz, der legendäre Kreuzritter. Auch sie sind letzten Endes siegreich und triumphieren über Tengil und Katla.

Der erfahrene Kindertheaterregisseur Robert Klatt, sein Ausstatter Franz Gronemeyer und Dramaturgin Johanna Jäger lassen die Brüder mit überbordender Fantasie ihre Geschichte selbst erzählen. Das ist ungeheuer komisch, mit Witz ausgedacht, Mut machend.

Den beiden Helden zur Seite oder als Gegenspieler stehen Lisa Marie Liebler, Julia Siebenschuh, Gerold Ströher und zwei Damen und Herren der Statisterie. Als schurkischer Verräter oder als Krankenschwestern oder Lehrerinnen, als herrlich tumbe Garde oder als hilfreiche Fabelwesen. Elf Rollen für drei Schauspieler(innen)! Sie spielen mit größtem Vergnügen ihre Verwandlungen. Als reale Personen oder im Schattenspiel. Die Szene ist in überraschender Aktion.

Robert Klatt inszeniert den großen Bilderbogen sehr musikantisch. Rimski-Korsakows "Hummelflug", Schauspielmusik Edvard Griegs oder Johann Sebastian Bach - die Einspiele strukturieren und steigern die szenische Aktion und lenken die Zuschauer emotional auf neue Fährten.

Es sind große Bilder - etwa nach dem Unfalltod Jonathans, als er durch eine lichtgleißende Nebelwand fortgeht ins Land Nangijala. Oder wie er zeigt, dass der schüchterne kleine Karl seine Angst vor den Gefahren überwinden lernt, um dem Bruder beizustehen.

Eine Inszenierung ganz im Geiste Astrid Lindgrens. Nicht schrecklich, nicht traurig, nicht süßlich-niedlich, wie so manches andere Weihnachtsstück. Kinder läsen die "Brüder Löwenherz" als "spannende Abenteuergeschichte von zwei Brüdern, die sich über die Maßen liebhaben und nur dann glücklich sind, wenn sie zusammen sein können, egal was geschieht", sagte die Autorin über ihr 1973 erschienenes Buch. Diese Inszenierung ist hinreißend!