Konzert am 22. November im Projekt 7 in Magdeburg, Einlass 20 Uhr, Beginn 21 Uhr.

Berlin/Magdeburg l Noch drei Stunden, dann betritt Christian Friedel die Bühne im Szeneclub Fluxbau in Berlin-Kreuzberg. Äußerlich ist er die Ruhe in Person. Innerlich, so sagt er, sehe es ganz anders aus. "Die Konzertbühne ist für mich noch weit weg von Routine", sagt Friedel. "Ich will nicht den Musiker spielen. Ich steige nicht in eine Rolle. Es sind größtenteils meine Songs, die möchte ich mit meiner Empathie, meiner Leidenschaft, meiner Seele füllen. Das ist neu für mich. Das ist aufregend."

Seit seiner Jugend ist die Bühne Metier des heute 35-Jährigen. Schon in seiner Geburtsstadt Magdeburg stand Friedel auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Er war Mitglied im Theaterjugendclub, 2003 erhielt er ein Stipendium des Magdeburger Theaters, da war er schon Schauspielstudent an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Nach dem Abschluss arbeitete Friedel am Bayrischen Staatsschauspiel, dann in Hannover, von 2009 bis 2013 war er Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Dresden. Sein festes Engagement in Dresden hat er aufgegeben. Er braucht Freiräume, sagt er. Für die Musik, für seinen Traum.

"Jetzt ist die Musik mehr als nur ein Hobby."

Solche Entscheidung zu treffen, ist mutig. Das weiß der Künstler. Er hat das Abenteuer gewagt, wohl auch, weil er sich einen Namen erarbeitet hat. Mit Michael Hanekes Schwarz-Weiß-Film "Das weiße Band" begann seine Karriere. Sein Kino-Debüt war 2010 Oscar-Kandidat. Der Film, so sagte Friedel damals im Volksstimme-Interview, habe ihm Selbstvertrauen gegeben.

Und der Erfolg öffnete Türen. Friedel war einer der Hauptdarsteller in "Russendisko", eine Adaption des Bestsellers von Wladimir Kaminer, er verkörpert Heinrich von Kleist in "Amour fou", der am 15. Januar in den deutschen Kinos startet. Bis September stand er als Hitler-Widerstandskämpfer Georg Elser vor der Kamera.

Friedel spielt den Titelhelden, er spricht von einer äußerst komplexen Rolle, von einem intensiven Dreh und einer Geschichte, die ihn umtrieb. "Ich habe mich immer wieder gefragt, was passiert wäre, wenn das Attentat geglückt wäre." Elser hatte 1939 eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller explodieren lassen. Hitler überlebte, Elser wurde verhaftet und 1945 hingerichtet. Im April, 70 Jahre nach Kriegsende und nach Elsers Tod, kommt der Film von Oliver Hirschbiegel in die deutschen Kinos.

Friedel zeigt ein Foto, das in seiner Handy-Galerie gespeichert ist. Hirschbiegel ist darauf zu sehen, Michael Haneke und Jessica Hausner. Der Vierte im Bunde ist er selbst. Der gebürtige Magdeburger, der einst immer sonntags mit großen Augen im Oli-Kino saß, wird heute von renommierten Regisseuren geschätzt. Weil er nicht versuche, seine Persönlichkeit über die Rolle zu stellen, sagt er. Er ist auf Filmfestivals dabei. Er war in Cannes, in Wien. Friedel ist stolz darauf.

Und doch zieht es ihn jetzt zur Musik. Nach einigen kleinen musikalischen Projekten, sieht er sich mit der Band "Woods of Birnam" im neuen Genre angekommen. Und in der Professionalität. Popmusik. Englischsprachig. "Jetzt ist Musik nicht mehr nur Hobby."

Er hat Profis an seiner Seite. Philipp Makolies, Uwe Pasora, Ludwig Bauer und Christian Grochau sind der Klangkörper der Dresdner Band Polarkreis 18 ("Allein, Allein"), die mit Friedel das neue Band-Projekt "Woods of Birnam" leben.

Gemeinsam stehen sie schon seit längerem am Staatsschauspiel Dresden auf der Bühne. Friedel als Hamlet in der gleichnamigen Shakespeare-Inszenierung und mit Band. Im Januar ist die 46. Vorstellung angesetzt. Das Kennenlernen ist eine verrückte Geschichte: Ein Autoklau ist ursächlich. Friedel erzählt, dass sein Auto vor dem Theater in Dresden gestohlen wurde. Mit dem Auto futsch war auch eine CD, etwas selten Gepresstes von einem der ersten Polarkreis-18-Auftritte. Und da diese CD nicht Friedel gehörte, sondern einem Freund, wollte er sie wiederbesorgen und hat die Band angeschrieben. "Sie kannten mich vom Namen, hatten ,Das weiße Band‘ gesehen und von der Oscar-Nominierung gewusst. Sie haben mich in den Proberaum eingeladen. Ich sprach über Schauspielerei, sie über Musik. Jetzt stehen wir gemeinsam auf der Bühne."

"Magdeburg ist mir wichtig. Hier sind meine Wurzeln."

Seit 7. November ist das nach der Band benannte Debütalbum auf dem Markt. Die ersten Release-Auftritte waren in Wien, Berlin, Köln, Hamburg, gestern bei der Eröffnung des Litertaurfestes in München. Magdeburg steht am 22. November auf dem Plan. Für Friedel, der in Dresden wohnt, war seine Heimatstadt gesetzt. "Magdeburg ist mir wichtig. Hier sind meine Wurzeln." Auch seinen Kinofilm "Elser" will er in Magdeburg vorstellen. Er ist bodenständig geblieben. Das Wort Star stört ihn. Er sagt, so sehe er sich nicht.

Was plant der Schauspieler Friedel im nächsten Jahr? Vielleicht komme "The White Circus" zustande. Die Finanzerung des internationalen Filmprojektes von zwei kanadischen Regisseuren stehe noch nicht. Es sei ein Fantasyfilm, "ein lang gehegter Wunsch".

Auf der Bühne des Staatsschauspiels steht er auch, unter anderem in Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". Und der Sänger Friedel? "Im nächsten Jahr starten wir eine große Tour. Das ist für mich unglaublich schön". Er will das neue Erleben auf der Bühne genießen und die Zeit als Sänger.

Christian Friedel schaut durch die großen Glasfenster im Fluxbau. Auf der anderen Seite hell erleuchtet die große Arena der O2-World. Dort einmal spielen? Friedel lächelt. Er freut sich auf die kleineren Bühnen und ist stolz, dass er in den CD-Läden ein eigenes Album finden kann.