Zürich (dpa) l Sie gehört zur Rockgeschichte wie die Rolling Stones oder Diana Ross. Noch im Rentenalter füllte Tina Turner ganze Stadien. Am Mittwoch wird sie 75. Bis ins hohe Alter kennen ihre Fans ihre Tina nur als wilde Rockröhre: Löwenmähne und Netzstrümpfe, High Heels und der wohl kürzeste Lederrock der Musikgeschichte. Wenn Tina Turner in dem Outfit "The Best" oder "Private Dancer" anstimmte, lagen ihr die Fans zu Füßen.

Früher temperamentvoll, heute weit ruhiger

An Vitalität, Temperament und auch an erotischer Ausstrahlung waren Live-Auftritte der "Queen of Rock`n`Roll" kaum zu übertreffen. Heute mag es die am 26. November vor 75 Jahren geborene Südstaaten-Amerikanerin, die inzwischen Schweizerin ist und ihren US-Pass zurückgab, weit ruhiger.

Dass Tina Turner nach einer der aufregendsten Karrieren der Rockgeschichte die gediegene Abgeschiedenheit ihrer Villa in der vornehmen Zürichsee-Gemeinde Küsnacht genießt, ist verständlich: Lange Jahre glich ihr Leben einer Achterbahn aus berauschenden Höhenflügen und tiefen Depressionen. Erst mit über 50 fand sie Liebe, Harmonie und Seelenfrieden - an der Seite des deutschen Musikproduzenten Erwin Bach. Zur Welt kam die Sängerin, die das Musikmagazin "Rolling Stone" als "eine der größten Stimmen aller Zeiten" rühmte, 1939 in dem Südstaatennest Nutbush bei Brownsville im US-Bundesstaat Tennessee. Damals war die Aufhebung der Rassentrennung noch weit entfernt und die Startbedingungen für die Tochter eines schwarzen Plantagen-Vorarbeiters und einer Mutter mit indianischem Blut in den Adern waren alles andere als rosig.

Wie für so viele musikalisch begabte Afro-Amerikaner boten die Kirche und der Gospelchor dem Mädchen mit dem bürgerlichen Namen Anna Mae Bullock die erste Bühne. In der Bluesmetropole St. Louis traf die stimmgewaltige, tanzfreudige und bildschöne junge Frau, die sich bald Tina nannte, auf den acht Jahre älteren Gitarristen Ike Turner.

"Fool in Love" hieß die erste Single, die Ike und Tina gemeinsam aufnahmen. Damit eroberten sie 1960 die US-Hitparaden. Doch der Titel - sinngemäß: blind vor Liebe - sollte sich als böses Omen für Tinas Partnerwahl erweisen. 1962 gab sie Ike ihr Ja-Wort. Als Traumpaar der Rockszene trumpften die beiden mit Hits wie "River Deep - Mountain High" und "Nutbush City Limits" auf.

Dann verfiel Ike den Drogen. Immer wieder prügelte er auf Tina ein, wie sie in ihrer Autobiografie schilderte. 1978 wurde die Scheidung rechtskräftig. Um den Trennungskrieg rasch hinter sich bringen zu können, hatte die Sängerin auf finanzielle Forderungen verzichtet.

Mit einem Schuldenberg am Hals begann die Mutter zweier Söhne - Craig (geboren 1958 aus einer kurzen Beziehung zu dem US-Musiker Raymond Hill) und Ronnie (1964) aus der Ehe mit Ike Turner - von vorn. Und sie schaffte eine der großartigsten Solokarrieren.

Vier Grammys 1984 für "Private Dancer"

Tina war 45, als sie 1984 mit ihrem Album "Private Dancer" vier Grammys gewann. Wie ein selbstironischer Rückblick auf die Ehe mit Ike klang ein Hit des Albums: "What`s Love Got To Do With It?" (Was hat das mit Liebe zu tun?).

Immer wieder füllte die Sängerin mit der rauchig-röhrigen Soulstimme die größten Säle und Stadien der Welt. 1988 trat sie in Rio de Janeiro vor 188000 Menschen auf. Das Guinness-Buch der Rekorde führte sie als Solokünstlerin mit dem größten Konzertauftritt.

Auch für Zehntausende in Deutschland gerieten Turner-Konzerte zu unvergesslichen Erlebnissen, darunter 2009 in der Kölnarena. Köln wurde für einige Zeit ihre Wahlheimat an der Seite von Erwin Bach. 1994 siedelte das Paar in die Schweiz über.

Ihre Hochzeit feierten Turner und Bach 2013 in ihrer Villa am Zürichsee mit einem Reigen von Promis, unter ihnen die langjährige Freundin Oprah Winfrey. Nach der standesamtlichen gab es eine Trauungszeremonie gemäß den Regeln des Buddhismus, zu dem sich Tina Turner schon seit vielen Jahren bekennt.

Wie sehr sich die Sängerin, die mittlerweile auch Deutsch gelernt hat, mit ihrer Wahlheimat identifiziert, machte sie gerade wieder deutlich: Zur Vorweihnachtszeit spendierte sie Küsnacht die Festbeleuchtung auf der Haupteinkaufsstraße.

Obwohl sie 2013 ihre US-Staatsbürgerschaft aufgab - sonst hätte Turner weiterhin auch in den USA Steuern zahlen müssen -, wird sie in ihrer Heimat verehrt: In der Flagg Grove School in Brownsville (US-Bundesstaat Tennessee), wo Tina einst zur Schule ging, wurde kürzlich ein Museum für die Rockdiva eröffnet.