Halberstadt l Was der Choreograf, seine Ausstatterin Kordula Kirchmair-Stövesand und das Tanzensemble hier leisteten, verdient nur ein Prädikat: absolut wundervoll! In diesem Märchen herrscht das Primat der Ausstattung. Die Schneiderei, die Ankleiderinnen, die Maske und das Lichtdesign leisteten Meisterhaftes.

Das Spiel beginnt stumm auf der Vorbühne: Links ein riesiges Märchenbuch "Die Schneekönigin", rechts ein Porträt des Dichters mit rosaroter Brille. Ein Topf mit zwei Rosen. Wie im Originalmärchen Andersens. Dazu Lego-Bausteine, verweisend auf ihr Herkunftsland Dänemark.

Kordula Kirchmair-Stövesand arbeitete bei der szenischen Umsetzung wie eine Kinderbuch-Illustratorin. Sie schuf vier auf einen Zwischenvorhang projizierte Jahreszeiten-Gemälde, deren Farbigkeit und Formen bei der Gestaltung der Episoden im theatralen Spiel fortgesetzt werden.

Frühlingshaft beschwingt, sommertrunken verspielt, herbstlich farbig, eiskalt-spitz wie ein Winter-Eiskristall. Märchenhafte Dekorationen und 60 bis 70 mit größtem Aufwand gearbeitete Kostüme für das Ensemble und das Kinder- und Jugendballett. Nichts aus dem Fundus. Ihr Sommerschlösschen auf der Zeichnung erinnert architektonisch an das Herrenhaus Liselund auf der Insel Møn. Einer von Andersens unglaublich vielen Aufenthaltsorten. Bis im Alter von 50 Jahren hatte er weder eigenes Bett noch Wohnung.

Aus der Einheit von Kostüm und Szene entwickelt Choreograf Alexandre Tourinho die tänzerische Besetzung und Bewegung. Lediglich Masami Fukushima (Schneekönigin) und Yuriya Nakahata (Gerda) verkörpern nur die eine, sehr prägnant gezeichnete Hauptrolle. Immer wieder holt Gerda das Bild ihres von der Schneekönigin entführten Freundes Kay hervor. Niemand kennt ihn - aber viele helfen ihr. Diese erlebbare Solidarität ist eine Botschaft an die Zuschauer.

Als Kay muss der jungenhaft expressive Alexandre Delamare noch eine Pechvogel-Krähe und eine Hexe geben - bis zur Unkenntlichkeit fantastisch-witzig kostümiert. Vier bis fünf Umzüge stecken in jedem Darsteller des nur zehnköpfigen Ensembles, damit ebenso viele Charaktere. Das ist mit großer Genauigkeit sehr genau hin auf den jeweiligen Typ choreografiert. In Minuten leuchtet sein Wesen auf. Etwa im geschundenen Rentier (Jaume Bonnin) oder dem übermütig wirbelnden Räubermädchen (Anna Vila).

Manches gerät auch flächig bis zu Andeutungen von Line Dance, vermutlich der wummernden Auftragsmusik von Joachim Kielpinski geschuldet. Eine unsensible Komposition, wohl eher für eine "History"-Folge mit ihrer Krach-Bum-Ästhetik geeignet. Synthetische Sinfonik, aufgepeppt mit Saxofon, Tuba, Posaune. Von Charakteristik der Figuren und Situationen keine Spur. Zwei Titel dieser Musik reichen aus, um alle weiteren satt zu haben.

Am Schluss schmilzt Kays Eisherz. Happy end - und von oben schaute symbolisch der verstorbene Ballettchef Jarosaw Jurasz zu. Er hatte das Tanzspiel noch konzipiert. Es gab sieben Minuten lang Ovationen im Stehen.