Warschau/Düsseldorf (dpa) l Goebbels in Warschau - das ist ein Gedanke, der provoziert. Hitlers Propagandaleiter hatte die Massen mit der nationalsozialistischen Ideologie bearbeitet. In der polnischen Hauptstadt waren und sind die Folgen des NS-Terrors bis heute im Straßenbild sichtbar. Gedenktafeln überall in der Innenstadt erinnern an Massenerschießungen und Terror. Warschau war von den Deutschen 1944 systematisch zerstört worden - eine Strafaktion nach dem blutig niedergeschlagenen Warschauer Aufstand.

Die Zacheta-Galerie und ihre Kuratorin Anda Rottenberg hatten noch nie Angst vor Kunst, die auch provokant ist. Und so wurde der unbequeme und politische Künstler Gregor Schneider eingeladen zu einer für Polen und Deutschland äußerst gewagten Kunstaktion. Schneider stammt ebenso wie Goebbels aus Rheydt, das heute zu Mönchengladbach gehört. Vor wenigen Jahren fand er heraus, in welchem Haus Goebbels 1897 geboren worden war. Es lag nicht weit von dem Haus entfernt, in dem Schneider aufgewachsen ist.

2013 kaufte der Künstler das Goebbels-Geburtshaus, er bewohnte es eine Zeit lang, fotografierte und filmte sich darin und scannte es vom Keller bis zum Dach in seinen Computer ein. Dann ließ Schneider das Haus, in dem einer der grausamsten Menschen das Licht der Welt erblickt hatte, komplett entkernen und transportierte den Schutt in einem Lastwagen nach Warschau. Dort werden die Trümmer von diesem Sonnabend an bis zum 1. Februar 2015 gezeigt.

Einen Teil der Trümmer lagerte Schneider ein. Auch an einen Abriss des Hauses hatte Schneider gedacht, um jeden Anschein von Nazi-Mystifizierung zu vermeiden und nicht Rechtsradikale anzulocken. Doch aus bautechnischen Gründen war das nicht möglich.

Schneider erforsche die Geschichte des Nazi-Propagandaleiters "sowohl als Inkarnation des Bösen wie auch als Gestalt einer normalen deutschen Familie im Kontext faschistischer Politik", sagt Kuratorin Rottenberg. Das Haus werde zum "stummen Zeugen der Geschichte". Zugleich sei die Alltäglichkeit des Bauschutts eine Konfrontation mit der Banalität des Bösen, das hinter der unauffälligen Fassade lebe.

Spannend wird, wie die Warschauer Öffentlichkeit auf den Goebbels-Schutt reagiert. Im Jahr 2012 hatte die Präsentation einer Hitler-Statue im früheren Warschauer Ghetto einen Skandal ausgelöst. Der italienische Skandal-Künstler Maurizio Cattelan hatte einen kniend betenden Adolf Hitler in der Größe eines Kindes aufgestellt.

Schon im Jahr 2000 hatte eine Skulptur von Catellan, die einen von einem Meteoriten erschlagenen Papst Johannes Paul II. zeigte, die Gemüter in Warschau erregt.

Mit dem Schutt aus dem Goebbels-Geburtshaus wolle er an die Millionen Opfer der Nazi-Diktatur erinnern, sagte Schneider kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. "Dieser Ort ist zwar ein Geburtszimmer, aber er wird durch die Geschichte zu einem Täterort." Er wolle in Warschau eine "unmissverständliche Geste" zeigen.

Der Schutt soll auch ein Symbol des Abschlusses sein. So lautet der Titel der Kunstaktion auch "Unsubscribe", auf Deutsch so viel wie "abmelden" oder "abbestellen".

Schneider, der Gewinner des Goldenen Löwen der Biennale in Venedig 2001, erregt immer wieder mit politisch brisanten Rauminstallationen Aufsehen. Im Sommer ließ er die Synagoge Stommeln in Pulheim bei Köln hinter einer eintönigen Wohnhausfassade komplett verschwinden. Das jüdische Bethaus war als eine der wenigen Synagogen während der Nazi-Pogrome 1938 nicht zerstört worden.