Magdeburg. l Die ersten drei dieser kirchenmusikalischen Werke aus dem zweiten Lingeschen Jahrgang hat das Leipziger Barockorchester unter der Leitung von Konstanze Beyer gemeinsam mit vier Gesangssolisten wachgeküsst. Zu dem Konzerterlebnis ist das Publikum aus ganz Deutschland angereist, um teilzuhaben an dem "vernünftigen Feuer", das Zeitgenossen dem gebürtigen Magdeburger Komponisten attestiert haben.

Auf den Punkt genau zum zweiten Advent 1728 komponiert ist Telemanns Kantate "Es lebt so mancher Mensch in Sicherheit dahin". Sie ist wie die beiden anderen Kantaten zum Sonntag nach Weihnachten und zum Neujahr erst zweimal gespielt und gesungen worden: gleichzeitig in Hamburg und in Eisenach im Gottesdienst.

Schnell wird deutlich: Die Themen Telemanns sind trotz des Zeitsprungs und der historisch informierten Darbietungsweise überraschend aktuell. Der Mensch soll nicht im Alltagstrott versinken. Er wird daran erinnert, dass seine Lebenszeit begrenzt und kostbar ist. "Hütet euch dass eure Herzen nicht beschweret werden mit Fressen und Saufen und Sorgen der Nahrung", so drückt dies das Barockzeitalter aus. In einer globalisierten Welt bekommt eine Textzeile wie "Der aufs Irdische erpichte Sinn frisst des Nächsten Wohl und Gut" eine ungeahnte Dimension. 1728/29 ist es der göttliche Zorn, den Telemann bemüht, um den Menschen aufzuschrecken. Dabei werden Blitz und Donner tonmalerisch konturiert. Jeder Zeit ihr eigenes Unwetter!

Zart und kraftvoll zugleich, in allen klanglichen Schattierungen souverän gleichermaßen bewegt und gehalten zeigt sich dabei das überaus differenziert agierende Leipziger Barockorchester. Die Streicher, der Basso continuo, zum Teil verstärkt durch Trompeten, Pauken und Oboen dehnen Zeit und Raum, senden Funken bis in unendliche Weiten, balsamieren ihre Töne dem Publikum tief in die Seele ein. Man begreift, was Telemann meint, wenn er sagt: "Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen." Das Miteinander aller Stimmen, von Gesang und Instrumenten, formiert sich in unablässigem Sich-Umranken zu einem Klanggewebe, das die Musik ebenso zum Leuchten bringt wie die Gesichter aller Akteure. Eine außergewöhnliche, aufeinander abgestimmte Gesamtleistung. Einen Glanzpunkt in diesen lichten musikalischen Momenten setzt Annelie Matthes an der Oboe d´amore in dem zwischen die Kantaten geschobenen, bekannten Telemann-Concerto A-Dur.

Alles in allem wird einmal mehr deutlich: Telemann ist ein großartiger musikalischer Erzähler. Man wünscht sich und dieser Musik, dass sie noch vielfach zu hören sein wird. Zudem ist noch Weiteres zu entdecken: Die drei vorgestellten Kantaten sind nur ein Teil des nächsten geplanten Bandes der Telemann-Edition, die das Magdeburger Telemann-Zentrum in Zusammenarbeit mit der Universität Halle herausgibt.