Naumburg (dpa) l Es soll ein bibliophiler Schatz für die Ewigkeit werden: Die über 500 Jahre alten überdimensionalen Naumburger Chorbücher werden restauriert und digitalisiert. Die komplette Finanzierung muss noch geklärt werden, aber ein Anfang ist gemacht. "Mit acht Büchern ist es eine der umfangreichsten mittelalterlichen Handschriftensammlungen", sagt Matthias Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Domstiftsarchiv Naumburg. "Jedes Exemplar umfasst 250 bis 300 Pergamentblätter, beschrieben mit lateinischen Texten und Noten von Chorgesängen." Die Seiten sind aufwendig mit farbigen Ranken und Jagdszenen verziert.

"Ein Band wiegt rund 45 Kilogramm, ist 50 Zentimeter breit und 80 Zentimeter hoch. Damit zählen sie zu den größten mittelalterlichen Handschriften", sagt Ludwig. Das Gewicht kommt durch die hölzernen, mit Leder bespannten Buchdeckel zustande, die zusätzlich mit Metallbeschlägen verziert sind. "Die Chorherren benutzten die Bücher mehrmals am Tag bei ihren Gebeten. Auch die speziell für das Gewicht der Bände im Mittelalter angefertigten zwei Doppel-Lesepulte blieben erhalten", sagt Ludwig.

"Für die Digitalisierung der großformatigen Bücher sind spezielle Apparate in Jena entwickelt und gebaut worden. Die Digitalisierung erfolgt jetzt an der Universitätsbibliothek in Leipzig", sagt Ludwig. Zuvor wurden die Bände am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften der Fachhochschule Köln genau untersucht. Zudem wurde exemplarisch ein Band aufgearbeitet. Die Ergebnisse werden an diesem Freitag auf dem Kolloquium "Liturgische Pracht im Großformat" in Naumburg vorgestellt.

"Allgemein liegt der Schaden bei den Chorbüchern bei 60 Prozent, wobei drei der Bücher geringe Schäden aufweisen", sagt Doris Oltrogge, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachhochschule Köln. "Tintenfraß in unterschiedlicher Ausprägung betrifft alle Bände. Aber überwiegend sind es mechanische Schäden wie Knicke, Risse und Abschabungen. Die Schäden an der Buchmalerei sind gering." Dazu kommt, dass bei fünf Büchern die Bucheinbände durch ungünstige Lagerung über die Jahrhunderte verzogen sind. Die Bände können nicht mehr geschlossen werden.

Bislang kostete das Projekt 30000 Euro. "Insgesamt wird sich der Betrag sicher im sechsstelligen Bereich bewegen", sagt Ludwig. An der Finanzierung beteiligt sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts, die an der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und bei der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt ist.

"Künstler und Werkstatt, welche diese großformatigen Werke anfertigten, sind unbekannt. Es war zu dieser Zeit nicht üblich zu signieren, das kam erst später mit Albrecht Dürer auf", sagt Oltrogge. "Anhand der charakteristischen Malweise sind drei bis vier Maler beteiligt gewesen. Es könnte sich um eine Werkstatt in Mainz oder Meißen handeln." Die Malereien sind von guter Qualität und sehr fantasievoll. Es wurden an den Randleisten eigene Ideen eingebracht. "Dazu gehören groteske Szenen mit Masken- und Narrenköpfen in Blau und grün. Ebenso wurden auch Vorlagen aus dem Neuen Testament und Heiligenmotive benutzt", sagt die Expertin.

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