München/Mannheim (dpa) l Vor zehn Jahren führte die Rechtschreibreform in Deutschland zu leidenschaftlichen, wenn nicht gar aggressiven Debatten. Mit keinem geringeren Ziel als der Wiederherstellung des "Sprachfriedens" trat am 17. Dezember 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung in Mannheim zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Zehn Jahre danach zieht der Vorsitzende, der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, Bilanz.

Volksstimme: Wie fällt Ihre Bilanz nach einem Jahrzehnt Rechtschreibrat aus?
Hans Zehetmair:
Rückblickend muss ich sagen, dass es erstaunlich und erfreulich ist, dass das korrigierte Regelwerk nach zwei Jahren stand. Die ersten Sitzungen waren durch sehr viel Abneigung geprägt - hüben wie drüben. Ich musste schauen, dass es keine Sieger und Besiegten gab. Das scheint insgesamt gelungen zu sein, was man auch daran sieht, dass im dritten Jahr Ruhe einkehrte.

Damals war die Neue Rechtschreibung ein unglaublich emotional aufgeladenes Thema. Heute fragt man sich manchmal bei allen Verkürzungen, mit denen in der schriftlichen Kommunikation operiert wird, ob die Rechtschreibung überhaupt noch von Bedeutung ist.
Damals gab es Leute, die Angst hatten, die Welt bricht zusammen, wenn man ein Wort so oder so schreibt. Dabei gibt es längst ganz andere Herausforderungen: Sprache ist verkommen. Sprache ist zu sehr dem Konsum gewichen, der Passivität und ist zu wenig schöpferisch. Dazu kommt dann noch die Verfremdung durch immer mehr Anglizismen, die ich nicht total ablehne, die man aber zumindest immer so einsetzen sollte, dass man auch weiß, was Begriffe wie Recycling bedeuten. Diese durch die Schnelllebigkeit und den Aktionismus herausgeforderte Oberflächlichkeit führt dann zu Wortfetzen wie sie beispielsweise beim Twittern gebraucht werden. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung.

Inwiefern gefährlich?
Man kann sich eigentlich seinem Mitmenschen gegenüber nur vermitteln, wenn man ihm nicht Wortfetzen hinwirft, sondern wenn man etwas zu Ende formuliert und damit auch zu Ende denkt. Wenn man HDL schreibt statt "Hab Dich lieb", dann ist das simplifiziert. Eigentlich sollte man Gedanken stärker herausfordern und vielleicht auch mal einen Brief schreiben, um deutlich zu machen, dass einem der Partner etwas wert ist.

Aber ist Vereinfachung von Sprache nicht auch eine Form der Demokratisierung?
Ich glaube, es ist ein Grundirrtum, wenn man glaubt, Demokratie ist Simplifizierung. Demokratie lebt von Verständlichkeit, aber nicht durch Vereinfachung.

In den vergangenen Jahren gab es nicht nur Anglizismen, die in die deutsche Sprache eingedrungen sind, sondern auch Begriffe aus anderen Kulturräumen. Kann das nicht auch eine Bereicherung sein?
Doch, ganz eindeutig. Ich will keine starre, statische Sprache. Sprache muss leben und sich organisch weiterentwickeln. Ich will nur, dass man mit dem Verstand und dem Herzen zusammen Sprache pflegt und aktiviert. Dann ist es völlig in Ordnung, wenn man etwas aus anderen Sprach- oder Kulturkreisen übernimmt. Darum habe ich mich auch so dagegen gewehrt, dass man das Wort Portemonnaie so eindeutscht, dass man nicht mehr weiß, woher es kommt. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden wir uns auch Begriffe aus dem Chinesischen angewöhnen müssen.

Wie definieren Sie die Rolle des Rechtschreibrates heute, wo doch das vielzitierte Ziel des "Sprachfriedens" hergestellt zu sein scheint?
Gemäß unserem Statut haben wir die Aufgabe, die Sprache zu beobachten und darüber zu wachen, dass die Reinheit der Sprache gewahrt wird. Das bedeutet keinen Purismus französischer Auffassung. Natürlich darf es auch Fremdworte geben - aber in der Form, dass man auch weiß, was dahintersteht. Wir brauchen keine Tarnworte, die der Vereinfachung oder leider auch Verdummung dienen.

Was sind die wichtigsten Herausforderungen des Rechtschreibrates für das kommende Jahr?
In unserer Arbeitsgruppe Korpora sitzen die zum Teil existenziell gefährdeten Wörterbuch-Verlage. Das liegt wohl an der Entwicklung, am Internet. Aber der unermessliche Wortschatz, der über die Wörterbuchverlage gesammelt wird, ist schon ein ungemeiner Schatz einer lebendigen Sprache. Ich will kein Oberlehrer sein, aber ich will deutlich sagen, dass das gedruckte und das geschriebene Wort ebenso wie das gesprochene weiterhin nicht überflüssig geworden ist, auch nicht in Zeiten der Nanographie.