Magdeburg l "Magdeburg hat sich als eine wundervolle, geradezu glanzvolle Stadt herausgestellt", schrieb im Januar 1888 Peter Tschaikowski an seinen Bruder. In Magdeburg traf der menschenscheue Tschaikowski einen Musikkritiker während einer Konzerttournee durch Deutschland. Vielleicht nahm dies Generalmusikdirektor Kimbo Ishii zum Anlass, ein Sinfoniekonzert am Theater Magdeburg ausschließlich mit Tschaikowski-Musik zu gestalten.

Zu Besuch in Magdeburg

Zudem bewies das Konzert: Ishii liebt Tschaikowski. Die ausgewählten Werke waren eine fantastische Herausforderung für die Magdeburgische Philharmonie: die beiden Fantasie-Ouvertüren mit den Shakespeare-Stoffen "Romeo und Julia" und "Hamlet" sowie die 6. Sinfonie h-Moll op 74, die "Pathétique".

In seiner dritten Fassung von 1880 wurde die Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" zu Tschaikowskis erstem Meisterwerk. Meisterlich, romantisch wie hochdramatisch spielten die Holzbläser der Magdeburgischen Philharmonie das choralartige Intro, die Streicher setzten dabei mit innerer Ruhe bereits deutliche Akzente.

Ishii trieb rasant den musikalischen Kampf der verfeindeten Adelsgeschlechter an, wie schön aber dazwischen das Liebeslied von Romeo und Julia angestimmt durch Englischhorn, getragen von gedämpften Streichern und schließlich den Flöten. Und aus einer Trauerstimmung heraus am Ende ein gewaltiger Paukenwirbel mit Fortissimo-Orchesterschlägen - Ishii hielt diese Dramatik lange nach.

Ein korrespondierendes musikalisches Drama folgte darauf mit "Hamlet", dessen Kampf um "Sein oder Nichtsein", seiner Liebe zu Ophelia und schließlich Hamlets Tod - entstanden parallel zur 5. Sinfonie 1888, kurz nach Tschaikowskis Besuch auch in Magdeburg. Wie beeindruckend illustrierten Ishii und seine Philharmoniker die Seelenzustände und Charakterbilder der Protagonisten.

Melancholische Gedankenschwere löste stürmische Ausbrüche ab, unerschrockenes Feuer wechselte mit unendlicher Zärtlichkeit. Klagende sonore Celli, unwahrscheinlich schwere rasante Streicherläufe, eine fantastisch singende Solo-Oboe, ein düsterer Bläsersatz machten dies emotional bildhaft.

Letztlich schaffte es Tschaikowski mit seinem sinfonischen Schlusswort, seiner autobiografisch geprägten und geheimnisumwitterten "Pathétique", zum wahrhaftigen Dramatiker zu werden - er starb kurze Zeit nach der Uraufführung 1893. Eine Sinfonie in der "Todestonart" h-Moll und einem Finale als Requiem, das in Töne malte, was der übersensible Künstler trotz öffentlicher Erfolge für seelische Qualen durchlitten haben muss.

Exzessive Streicheraffekte

Kimbo Ishii setzte auf weite raumgebende Gesten, Raum für Emotionalität und Atmosphäre. Die vielen wechselnden Zeitmaße arbeiteten die Musiker mit Wachheit aus. Die vielen wechselnden Klanggebilde musizierten sie äußerst leidenschaftlich und verständig. So zu Beginn das klagende Fagottsolo über dunklen Bass- und Bratschenakkorden, verblüffende Piani der Solo-Klarinette, unwahrscheinlich technisch brillante Violinen bei den exzessiven Streicheraffekten.

Im metrisch eigenartigen zweiten Satz die unbekümmerten Celli und der über zig Takte mahnende Paukenschlag. Streicher und Holzbläser flirrten im dritten Satz nur so umher, Ishiis linke Hand hier charakterlich sehr suggestiv. Scherzo und Marsch waren hier verwoben, das Klanggewoge mündete mit Blechfanfaren im schmissigen Rhythmus, der auch das Magdeburger Publikum täuschte.

Der befreiende Applaus wollte schon losbranden - doch nein! Eben nicht diese bombastische Schlussherrlichkeit! Erstmalig in der Sinfonik stellte seinerzeit Tschaikowski einen langsamen Satz ans Ende einer Sinfonie. Was für ein Adagio lamentoso stimmten da noch das Fagott und die Streicher an, das die Bässe schließlich im Jenseits verhauchten.