Berlin l Berndt Schmidt sitzt entpannt in seinem Arbeitszimmer im Friedrichstadtpalast. Vor zwei Monaten sah das noch ganz anders aus. Der Intendant und Geschäftsführer hat die bis dato teuerste Produktion des Hauses zu verantworten.

In den Wochen vor der Premiere wuchs die Anspannung immer mehr. Er habe schlecht geschlafen, sagt Schmidt. Stolze 10,6 Millionen Euro hat "The Wyld" gekostet. Sie wird zwei Jahre laufen. Eine Show, die bei den Gästen nicht ankommt, kann er sich nicht leisten. Und auch wenn schon vor den ersten Previews Anfang Oktober 100.000 Karten verkauft oder reserviert waren, ist erst der Beifall des Publikums Gradmesser. 280 Arbeitsplätze plus Externe hängen am Erfolg. Doch der ist die große Unbekannte. "Ich habe im Gefühl, dies könnte gehen, jenes nicht. Aber auch ich bin vor einem Flop nicht gefeit."

Schmidt, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und promovierter Kulturmanager, der direkt vom Studium in die Kulturbranche wechselte, wird immer mal wieder als Retter des Friedrichstadtpalastes bezeichnet. Er übernahm am 1. November 2007 die renommierte Bühne, deren Eigentümer die Stadt ist. Er ist kein inszenierender Intendant, er ist Produzent, er gibt die Richtung vor. Schmidt kannte sich aus in der leichten Unterhaltung. Er arbeitete zuvor in Stuttgart an zwei Theatern der Stage Entertainment.

Friedrichstadtpalast mit neuem künstlerischen Konzept


"Der Showpalast hatte einen großen Namen, aber er war in einer kreativen Krise", sagt der 50-Jährige. Er setzte auf die Revue, deren ganz große Zeit fast ein Jahrhundert zurückliegt. Auch heute funktioniert Showunterhaltung, sagt Schmidt. Er will sie als Kunstform ins 21. Jahrhundert führen. Bevor er ans Haus geholt wurde, hießen die Shows Casanova und Hexen. "Sie wurden immer älter statt moderner", meint der Intendant. Als er das Haus übernahm, waren zehn Millionen Euro Verluste aufgelaufen.

Er setzte eine bereits geplante Show ab. Heute nennt er diese Entscheidung äußerst mutig, denn in nicht einmal einem Jahr musste etwas Neues aus dem Boden gestampft werden. "Qi", acht Milionen Euro teuer, war im Herbst 2008 die erste Show unter seiner Ägide. Sie stand für ein neues künstlerisches Konzept, mit dem die Talfahrt des Palastes gestoppt werden konnte. Es folgten mit "Yma" und "Show me" größere, teurere Shows. In den letzten sechs Jahren hat sich der Kartenumsatz verdoppelt. 2013 gab es mit fast 520000 Gästen einen Besucherrekord und im ersten Halbjahr einen Rekordumsatz von 13 Millionen Euro. Acht Millionen Euro steuert der Senat im Jahr zu. 85 Prozent spielt das Haus selbst ein.

Über "The Wyld" titelte "The Sunday Times": "Las Vegas in Berlin". Solche Vergleiche werden im traditionsreichen Haus gern gehört. "Keine Show ist größer als unsere", sagt Schmidt. "Wir haben die größte En-suite-Show der Welt. In Las Vegas stehen 80 Leute auf der Bühne, bei uns 100."

Transen, Drug-Queens und jointrauchenden Partygäste


Las Vegas übertrumpft Berlin aber in der technischen Ausstattung. Die ist im Spielparadies deutlich aufwändiger. Dort laufen die Shows aber teilweise über zehn Jahre, manche sogar über 14 Jahre. Schmidt: "Und sie haben Budgets, die sind ohne Worte."

Wenn man Schmidt nach seinem Erfolgsrezept fragt, nennt er viele kleine Stellschrauben, aber als wichtigsten Schritt sieht er die Modernisierung, die Entstaubung des Genres, das Ankommen der Revue in der Gegenwart.

Dieses Ankommen ist geprägt von modernen Zutaten. Die sind in "The Wyld" sicher auch die Transen, die Drug-Queens, die jointrauchenden Partygäste auf der Bühne. Es ist aber vor allem das Zusammenspiel von Glitzer und Glamour, von schönen Körpern und Hochleistungsartistik, von extra für die Show komponierter Musik und beeindruckenden Lichteffekten. Dafür arbeitet das Haus mit modernster Technik und namhaften Profis ihres Fachs wie Modeschöpfer Manfred Thierry Mugler, dem erfolgreichen Showmacher Roland Welke oder Sounddesigner Cedric Beatty und zehn Choreografen. "Wir haben ältere Busreisende aus dem Sauerland, den Bankdirektor, die Verkäuferin aus dem Lebensmittelmarkt. Unser Publikum geht durch alle Alters- und durch alle Bildungsschichten. Das ist Volkstheater im besten Sinn." Diese Breite zu bedienen, sei auch ein Spagat. Man chanchiere zwischen den Geschmackswelten.

Publikumsalter im Friedrichstadtpalast sinkt


Das Feuilleton wird nicht warm mit dem Haus. Weil es keine Handlung gibt. Kritiker suchen den Sinn dessen, was da auf der Bühne passiert. Der rote Faden ist nicht da, aber man sieht eine schier ungebändigte Kreativität und Bilder, die sonst nirgendwo zu sehen sind. 500 maßgefertigte Kostüme glimmern und glitzern. Mittendrin der Revue-Klassiker, die längste Girlreihe der Welt - die Gesamtbeinlänge der 32 Damen beträgt 67,2 Meter.

Eine Show im Palast ist ein Schwelgen in Licht und Farbe, Tanz und Musik. Das spricht junges Publikum an. Das Durchschnittsalter ist gesunken. Als Schmidt anfing, lag es bei 54, jetzt bei 38,9 Jahren. Und es kommen wieder mehr Berliner. Die Akzeptanz des Hauses ist gewachsen - vor allem im Westteil der Stadt.

Und Kinder lieben das Haus, das mit Shows für die Kleinen auf eine ganz lange Tradition blicken kann. Anfang der 1950er Jahre hatte die Arbeit mit einem Kinderensemble begonnen, seitdem gehören diese Produktionen zum Programm. Auch die haben sich verändert. Waren Kinder früher nur "Deko" für das Spiel der Erwachsenen, so spielen heute Kinder für Kinder, 250 Kids aus Berlin. Wer in "Ganz schön anders" auf der Bühne steht, ist zwischen 6 und 16 Jahre alt und geht zur Schule. 80000 Kinder sitzen alljährlich auf den Zuschauerplätzen und erleben mit großen Augen Lolly Lakritzes Abenteuer im Zuckerwatteland.

Friedrichstadtpalast setzt auf Spektakuläres


Vier bis fünf Kindershows am Nachmittag, achtmal "The Wyld" - in einer Woche. Im Dezember steigert sich das Ensemble auf teilweise 13 Shows. Von Montag bis Sonntag müssen dann 26000 Sitzplätze verkauft werden. Die Auslastung liegt aufs Jahr gesehen bei 91 Prozent.

In Schmidts Indendantenzeit wurde alles größer, schneller, teurer. Er ist bis 2019 im Amt. Wo geht es hin? "Größer, schneller, teurer", sagt Schmidt. "Das ist überall so. Wenn Mercedes ein neues Auto auf den Markt bringt, ist es auch nicht schlechter als das bisherige. Und das neue iPhone kann mehr als das letzte. Das gilt für uns genauso."

Das Haus setze auch weiterhin auf spektakuläre Dinge, die für den Friedrichstadtpalast entwickelt werden. Das kostet Geld. Wie die Showtreppe in der aktuellen Produktion, die sich wie ein Lavaberg hebt und verändert und immer wieder in neuen Farben lebt. Schmidt: "Wir brauchen das Überraschende, wir brauchen solche Ideen."

Die größte Theaterbühne der Welt


Der Friedrichstadtpalast spielt mit der Bühne. Das Haus ist ein Wunderwerk der Technik. Da wurden schon Wasserfälle gezaubert und ein Bassin, in dem die Damen des Balletts planschten. Das 225 Tonnen schwere Wasserbecken macht`s möglich. Eisflächen gibt es und die Bühne in der Bühne. Das lässt immer wieder staunen.

Der Palast-Chef will klotzen. Das Haus müsse das auch, sagt er. "Wir haben die größte Theaterbühne der Welt. Die muss auch bespielt werden. Wir können da nicht mit einer kleinen Show kommen. Das wäre mickrig."

Der Erfolg gibt ihm recht. Aber ist ihm die positive Statistik nicht manchmal unheimlich? "Schon", sagt Berndt Schmidt. "Sie erleichtert aber auch."

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