Badenweiler (dpa) l Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski wird am 1. Januar 70 Jahre alt. Er gehört zu den auflagenstärksten deutschen Philosophen der Gegenwart. Sein neues Buch, das im Herbst 2015 erscheint, widmet sich der Zeit. Mit ihr sollte man sorgsam umgehen, sagte Safranski in seinem Wohnort Badenweiler südlich von Freiburg im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Philosophen denken über den Tag hinaus und machen sich langfristige und grundsätzliche Gedanken. Ist diese Tätigkeit in einer schneller werdenden Welt schwieriger geworden?

Rüdiger Safranski: Den Grundzug, dass die Welt schneller und kurzatmiger ist, spüre ich - so wie vermutlich alle Menschen. Doch ich lasse mich nicht zu sehr davon beeindrucken. Ich mache meine Sache. Meine Bücher sind einem größeren Zeithorizont verpflichtet. Das ist eine philosophische und literarische Tätigkeit, die naturgemäß auch etwas gegen den Zeitgeist der Schnelligkeit steht. Es verhält sich damit wie mit dem Rotwein.

Macht es denn Sinn, sich gegen den Zeitgeist zu stellen?
Es wäre falsch, sich polemisch-verbissen oder abgehoben dem Zeitgeist entgegenzustellen - mit dem erhobenen Zeigefinger gegen ihn anzuschreiben. Das ist eine Pädagogik, die ich sowieso nicht leiden kann. Mein Wirken ist kein Gegner des Aktuellen, sondern soll als Ergänzung und Bereicherung verstanden werden. Und mein Eindruck ist, dass dies auch honoriert wird.

Woran machen Sie diesen Eindruck fest?
Je temporeicher und hektischer der Alltag und das Leben wird, umso mehr haben die Menschen offenbar den Wunsch, auch mal inne zu halten und sich grundsätzlichen Fragen zu widmen. Es ist ein Bedürfnis, aus dem engen Zirkel des Aktuellen rauszukommen. Und wir können, beispielsweise von Figuren aus der Geschichte, sehr viel für die Gegenwart lernen. Aber nur, wenn man nicht im Sinne einer Gebrauchsanleitung daraus lernen möchte, sondern wenn man wirklich sich darauf einlässt, auch auf das Fremde und Befremdende.

Dennoch scheint die Lust am Lesen zurückzugehen. Spüren Sie dies auch?
Ich bin ein Beispiel dafür, auch mit meinen hohen Auflagen, dass das Interesse an intellektuellen Themen bei den Menschen weiterhin vorhanden ist. Ich merke, dass es dieses Bildungsbürgertum, von dem wir Schriftsteller leben, immer noch gibt. Das Untergehen der Lesekultur, wie es oftmals an die Wand gemalt wird, kann ich nicht erkennen. Und seien wir ehrlich: Die leidenschaftlichen Leser waren immer eine kleine radikale Minderheit.

Wer sind Ihre Leser?
Natürlich sind es meist Menschen mittleren und höheren Alters, die zu meinen Vorträgen und Lesungen kommen. Die Jugend, das ist festzustellen, ist leider eher gering vertreten. Das ist ein Faktum. Aber Lesen und sich Auseinandersetzen mit Themen mit Hilfe von Büchern, das ist nicht aus der Mode geraten. Sonst würden meine und andere Werke im Bücherregal verstauben. Und das tun sie erfreulicherweise nicht.

Sie sind auch durch Ihr Wirken im Fernsehen bekanntgeworden. Braucht es mehr Philosophie im deutschen Fernsehen?
In Bezug auf Philosophie war das Fernsehen schon mal mutiger. Die Sendungen, die es früher gab, hatten ihre Liebhaber. Und die Einschaltquoten waren auch nicht schlecht. Aber die Sender trauen sich nicht mehr. Ich finde das schade. Philosophie, das ist meine Überzeugung, gehört auch ins Fernsehen. Und die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Kulturauftrag.

Wieso gibt es dann immer weniger philosophische Sendungen?
Es ist die Angst, die Zuschauer zu überfordern. Das Resultat daraus ist, dass die Menschen eher unterfordert werden. Und das ist schlecht. Denn wenn man unterfordert wird, fühlt man sich nicht mehr angesprochen - und schaltet aus.

Was wäre die richtige Antwort darauf?
Mein Eindruck ist, dass sich Zuschauer auch gerne mal fordern - und sich fordern lassen. Das macht die Sache riskant, aber spannend. Aber das wird in den Fernsehanstalten leider anders gesehen. Da wird mit der Spirale nach unten gearbeitet - und nicht nach oben. Leider sitzen in den Redaktionen inzwischen auch ziemlich viele bildungsferne Leute. Bei manchen ist Bildung ja schon fast ein Schimpfwort. An den Zuschauern auf jeden Fall liegt es nicht.

Sie schreiben derzeit an einem Buch über die Zeit. Welche Lehren ziehen Sie daraus für sich persönlich?
Aufmerksam mit der Zeit wie mit einem wertvollen Gut umzugehen, sich nicht unter Termindruck setzen lassen, sich seine Zeitsouveränität erobern. Immer erreichbar sein ist etwas für Dienstboten. Auf die Zeitdiebe achten. Es gibt vieles, was man im Umgang mit der Zeit besser machen kann. Und doch: Ich schreibe kein Ratgeberbuch, sondern mich fasziniert das Geheimnis der Zeit, was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.