Wittenberg l Die Leihverträge sind unterschriftsbereit. Katalogtexte entstehen, Restaurierungen werden abgeschlossen. Wenn in sechs Monaten die weltweit erste Ausstellung über Leben und Werk Lucas Cranachs des Jüngeren (1515-1586) in Wittenberg eröffnet, werden Leihgaben aus der ganzen Welt - aus Polen und Tschechien, Dänemark und Schweden, den USA, Frankreich und Österreich - nach Wittenberg kommen. Auch einige Leihgaben aus Privatbesitz sind darunter, und die Wittenberger Ausstellungsmacher konnten das Nationalmuseum in Oslo überzeugen, eine auf 1550 datierte "Quellnymphe" von Lucas Cranach dem Jüngeren zu verleihen. Sie war seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr in Deutschland zu sehen.

Insgesamt wird die am 26. Juni 2015 eröffnende Ausstellung 150 Werke von Lucas Cranach dem Jüngeren zeigen, darunter etwa 60 Gemälde, Grafik und Auszüge aus seiner Korrespondenz. Denn erstmals überhaupt wurde die eigenhändige Korrespondenz Lucas Cranachs d.J. gesichtet. Einige der schönsten Briefe des Malers werden Teil der Ausstellung sein, alle anderen versammelt ein parallel zum Katalog erscheinendes Buch. Es wird dazu beitragen, einen Maler besser kennenzulernen, der bisher nicht nur im Schatten seines Künstler-Vaters stand, sondern dessen Werk eher gering geschätzt wurde.

Denn Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) wird wegen der Originalität und Qualität seiner vielfigurigen Bilder bewundert, seine Porträts gelten als exzellent und realistisch. Seine Druckgrafik war entscheidend für die Verbreitung reformatorischer Ideen. Für Aufsehen sorgte und sorgt neben der Kunst, die in einer perfekt organisierten Werkstatt mit zwanzig namentlich bekannten Malern entstand, auch sein erfolgreiches Unternehmertum. Als Apotheker, Bürgermeister und der drittreichste Wittenberger seiner Zeit war er hoch angesehen und viel beschäftigt.

Sein Sohn dagegen gilt - bisher - als wenig innovativ in der Kunst und lediglich als Fortführer des väterlichen Werkes. Dabei war er nicht nur ein ebenso geschickter Unternehmer und Bürgermeister wie sein Vater. Er war auch ein ebenso guter Künstler. Schon die Zeitgenossen wussten nicht zu unterscheiden, ob Vater oder Sohn ein Bild gemalt hatten.

Und so sollte es auch sein: Die Gleichheit des Stils, die Verwechselbarkeit der Malerhände war Programm. Was die Werkstatt mit dem Schlangensignet verließ, war Cranach. Darauf konnten sich die Auftraggeber verlassen - egal wer das Bild letztendlich entworfen und gemalt hatte. Auch deshalb gilt: Sicher von der Hand des Sohnes stammen allein die Werke, die nach dem Tod des Vaters entstanden. Was auch bedeutet: Ohne Beteiligung des Sohnes gemalt sind nur die frühen Werke des Vaters.

"Wenn man die Cranachs am Ideal des einsamen, allein schaffenden Künstlergenies misst, wird man ihnen und ihrer Arbeitsweise nicht gerecht", sagt Katja Schneider, Co-Kuratorin der Wittenberger Ausstellung. Doch es gibt Unterschiede zwischen Vater und Sohn, die jetzt nach und nach, aber oft erst mit Hilfe von technologischen Untersuchungen - vor allem Röntgen und Infrarotreflektografie - erkannt werden. Das zeigt vor allem das digitale Cranach-Archiv, dessen Ziel es ist, alle Forschungen, Bilder und Dokumente zu den Cranachs und ihrer Werkstatt zu versammeln. Unter der Internetadresse www.lucascranach.org kann man die Wege der Erkenntnis, die Zuschreibungsprobleme und jüngsten Forschungsergebnisse sehr schön nachlesen. Dabei wird deutlich, wie viele der heute Lucas Cranach dem Jüngeren zugeschriebenen Bilder noch vor wenigen Jahren von Kunsthistorikern für Bilder des Vaters, also des als besser geltenden Malers, gehalten wurden.

"Die Ausstellung wird keine spektakulären Zu- oder Abschreibungen vorschlagen, dafür aber einige Entdeckungen wie die Quellnymphe aus Oslo liefern", sagt Katja Schneider. Es werde sich zeigen, dass der Anteil des Sohnes am viel bewunderten Werk des Vaters größer ist, als das bisher angenommen und zugestanden wurde. Und so wird mit der Wittenberger Ausstellung - 500 Jahre nach seiner Geburt - erstmals ein Künstler aus dem Schatten seines Vaters treten, dessen Anteil an der Größe dieses Schattens bisher unterschätzt wurde.

Parallel zur Ausstellung "Lucas Cranach der Jüngere - Entdeckung eines Meisters" im Augusteum in Wittenberg gibt es einen ganzen Reigen von Cranach-Schauen. Die Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien thematisiert ihre Cranach-Originale, die Anhaltische Gemäldegalerie in Dessau zeigt "Cranach in Anhalt" und verschiedene Kirchen mit Cranach-Altären laden zu Ausstellungen und Veranstaltungen.

Eine Übersicht aller Cranach-Projekte in Deutschland findet sich unter www.cranach2015.de

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