Wernigerode l Künstlich geschaffene Laufgräben zwischen Bäumen, Relikte kleiner Unterstände, zerbombte Betonbewährung, Grabsteine. Kreuze ragen gespenstisch in den Himmel und mahnen. Ein Eisenbahngleis, zerborsten von einem Geschütz, hat sich aufgerichtet und ragt wie ein kaputter Gartenzaun in die Höhe. Granattrichter an Granattrichter. Hier im Nordosten Frankreichs hat sich die Geschichte des Ersten Weltkriegs in die Landschaft eingegraben. Hier starben zwischen Februar und Dezember 1916 Hunderttausende französische und deutsche Soldaten. Ihr Blut ist längst versiegt, aber die Narben des unbarmherzigen Stellungskriegs sind geblieben. Chris Wohlfeld hat sie gesucht und fotografisch festgehalten. Das Land, das er betrat, nennt er Zentrum der Blutpumpe von 1916.

75 Fotografien: still, düster, karg

"Schatten des Todes" ist Wohlfelds Ausstellung im Schloss überschrieben. 75 seiner großformatigen Arbeiten hängen dort aus. Wer sich auf dieses Erinnern einlässt, wird eingefangen von einer düsteren Atmosphäre, von Stille und Kargheit. Diese Stimmung in uns entsteht durch die Schwarz-Weiß-Fotografie, aber auch durch die Jahreszeit. Für seine zweite Fotoserie hat sich Wohlfeld ganz bewusst für späte Herbst- und Wintermonate entschieden. Die stehen für laublose Bäume und eine Natur, die kaum die Sonne sieht, von Nebel eingefangen wird und allerorten Feuchtigkeit spürt. Es sei, so beschreibt es der Fotograf, "so düster wie das Kapitel der gemeinsamen Geschichte zwischen Frankreich und Deutschland in jenen Jahren".

Wohlfeld, 1971 in Brettleben an der Unstrut geboren und heute in Quedlinburg wohnend, hat sich jahrelang mit Verdun beschäftigt, auch, weil er in der eigenen Familiengeschichte eine Lücke schließen wollte. Seine Recherchen gaben ihm Gewissheit: Der Onkel seines Großvaters liegt dort begraben.

Stacheldraht, Granaten und Stahlhelm

Wohlfeld will, so schreibt er in seinem Handbuch zur Ausstellung, Menschen für das Thema sensibilisieren. Durch Motivwahl und Stimmungen ruft er beim Betrachter Bilder vom Gemetzel im Ersten Weltkrieg wach. Man sieht den Schlamm in den Gräben förmlich vor sich und die Männer, die darin liegen, kämpfen, lauern, überleben wollen. Man hat die Feldlazarette vor Augen, die Sterbenden, die endlosen Stacheldrahtverhaue.

Solch ein Stück Stacheldraht ist auch ausgestellt. Es gehört zu den Originalzeugnissen vom Schlachtfeld, die in Vitrinen gezeigt werden. Zu sehen sind auch zerborstene Granaten und Granatsplitterreste, eine Schuhsohle von einem französischen Soldaten, Teile eines Schützengrabenspatens, einer der damals getragenen Stahlhelme, die die Pickelhaube ablösten. Das Eisenwerk in Thale gehörte zu den Herstellern dieser Helme - 100.000 sollen dort produziert worden sein.

Propaganda in bunten Bilderbögen

Für Schloss-Geschäftsführer Christian Juranek war es auch wichtig zu zeigen, wie das Haus in den Ersten Weltkrieg involviert war. Fotos sind ausgestellt, die Fürstin Marie zu Stolberg-Wernigerode zeigen; sie hat sich mit verwundeten Offizieren ablichten lassen, die auf dem Schloss gepflegt worden sind. Aufgeschlagen ist auch das Kriegstagebuch des Fürsten Christian-Ernst, der sich mehr über den Tagesablauf Gedanken machte als über den Krieg. Farbenfroh daneben die Ausschneidesoldaten aus jener Zeit und die Propaganda in den Neuruppiner Bilderbögen.

Bis zum 1. März ist die Ausstellung "Schatten des Todes" im Frühlingsbau des Schlosses zu sehen. Juranek bezeichnet sie als Fortsetzung der Schau "Pomp and Circumstance. Das deutsche Kaiserreich und die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg", die im vergangenen Jahr 75000 Besucher gesehen haben. "Wir hatten die Glitzerwelt und das Schöne des kaiserlichen Hofes präsentiert, jetzt zeigen wir das Gegenteil."