Magdeburg l Es gehört schon was dazu, den spröden Charme der Magdeburger Getec-Arena so vergessen zu machen, dass die Konzertbesucher andächtig großen Opernarien, bekannten Musicalstücken, Liedern, Operetten-Gassenhauern und natürlich dem Walzer in allen Varianten lauschen, ja sogar zwischen den Reihen selbstvergessen tanzen. Andrè Rieu mit seinem Johann-Strauß-Orchester schafft das.

Dank einer perfekt abgestimmten Show, in der jedes noch so kleine Detail genau an der richtigen Stelle im richtigen Moment den Funken auf das Publikum überspringen lässt. Der Musiker, Komponist, Arrangeur und Dirigent aus Holland, der vor einem knappen halben Jahr seinen 65. Geburtstag feierte, überlässt nichts dem Zufall. Er versteht es hervorragend, im Plauderton sehr schnell eine Beziehung zu seinen Zuhörern herzustellen. Und er ist bestens vorbereitet, weiß über die Stadt Bescheid, in der er gerade auftritt, macht Bemerkungen über Fußball im Allgemeinen und den 1. FCM im Besonderen.

Musikalisch jagt die große Jubiläumstour des niederländischen Walzerkönigs durch alle Genres der Musik, ohne auch nur den Hauch von Berührungsängsten spüren zu lassen. Ob nun Beethoven, die Comedian Harmonists, sein großes Vorbild Johann Strauß, Giuseppe Verdi, Carl Millöcker oder richtige Schlager-Gassenhauer - das Orchester verarbeitet alles, was dem Publikum gefällt.

Gesungen und geschunkelt

In den Reihen wird gesungen, geschunkelt, da hält man bei der "Ode an die Freude" andächtige Stille, um beim "Adé, mein kleiner Gardeoffizier" kräftig mitzuklatschen. Bei "Ein Liebeslied muss ein Walzer sein", der Titel stammt ebenso wie der "Gardeoffizier" von Robert Stolz, wird hingegen klammheimlich eine Träne beim durchweg reiferen Publikum getrocknet.

Der Walzer allerdings ist das Rückgrat des Programms. Andrè Rieu wird nicht ohne Grund als König dieses ältesten der modernen Tänze bezeichnet. Wenn dann "An der schönen, blauen Donau" erklingt, fühlt man sich in das Neujahrskonzert nach Wien versetzt. Da hält es zahlreiche Paare im Publikum nicht mehr auf den Stühlen, sie drehen sich im Dreivierteltakt. Es ist genau diese Verbindung zwischen der Musik, dem opulenten Orchesterbild und der verbindlichen Aufforderung von Andrè Rieu, mitzumachen, Spaß zu haben, die so vielen Menschen Freude bereitet.

Das ist das Geheimnis des Erfolges seiner Konzerte überall in der Welt, dem man sich selbst als Skeptiker gegenüber dieser Form der Unterhaltung kaum entziehen kann.

Viele Gäste aus aller Herren Länder hat er mitgebracht. Die "Platin Tenors" präsentieren "Nessun dorma", Anna Reker aus der Ukraine singt zusammen mit dem Trio St. Petersburg als Beispiel für die Verbindung durch die Kunst über alle Streitigkeiten hinweg, und die "Berlin Comedian Harmonists" versetzen das Publikum in die sogenannten "Goldenen Zwanziger".

Rieu überschreitet mit dem ihm eigenen Charme auch Grenzen zum Kitsch oder bearbeitet in seinen Arrangements selbst hochberühmte Werke mit schwerem Werkzeug. Das ist mitunter, wie bei der "Ode an die Freude", bei allem Wohlwollen nur schwer erträglich.

Dennoch: Das Publikum ist begeistert, vom Dach der Getec-Arena fallen hunderte Luftballons ins Publikum und mit stehenden Ovationen erzwingt man immer wieder Zugaben. Kaum einer der Zuhörer ist trotz der anspruchsvollen Kartenpreise enttäuscht.

"Das war schön", hört man allenthalben beim Verlassen der Halle. Was will man mehr von einem Konzert?