Leipzig (dpa) l Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse steht jedes Jahr vor einer ungeheuren Aufgabe. Hunderte Bücher wollen gelesen und eingeschätzt werden, 405 Werke reichten die Verlage diesmal ein. Doch in diesem Jahr, sagt der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels, sei die Auswahl aus guten Büchern nicht so schwergefallen. "Es gab eine Spitzengruppe von zehn, zwölf Büchern und Autoren, denen man den Preis unbedingt hätte geben können. Aber es gab auch ein sehr breites Feld von Büchern, die dafür weniger infrage kommen." In einem eher schwachen Bücherfrühling präsentierten die Leipziger gestern denn auch einige Überraschungen auf ihrer Shortlist.

Erstmalig haben die Juroren mit Jan Wagners "Regentonnenvariationen" einen Gedichtband in die engere Auswahl in der Kategorie Belle-tristik genommen. "Ich musste in den Statuten sogar noch einmal nachlesen, ob Gedichte oder Theaterstücke überhaupt zulässig sind. Sie sind es auf jeden Fall - und ich habe mich im Nachhinein gefragt: Warum ist das nicht vorher passiert?", sagt Winkels. "Allen war sofort klar, es ist ein Glücksfall, dass dieser Band von Jan Wagner da ist."

Die nächste Überraschung ist Ursula Ackrill mit "Zeiden, im Januar", ein Buch über die Siebenbürger Sachsen in Rumänien im nationalistisch aufgeheizten Winter 1941. Nicht nur ist es das Debüt der 1974 geborenen Autorin, es ist laut Winkels auch ein unverlangt eingesandtes Manuskript, erschienen im Verlag Klaus Wagenbach. "Das ist die totale Ausnahme, das gibt es quasi gar nicht. Da kam ein so außergewöhnliches Sprachkunstwerk zum Vorschein, völlig aus dem Nichts", sagt der Jury-Chef.

Mit Norbert Scheuer ("Die Sprache der Vögel") und Michael Wildenhain ("Das Lächeln der Alligatoren") wurden zwei etablierte Autoren in den Favoritenkreis aufgenommen. Komplettiert wird dieser von Teresa Präauer ("Johnny und Jean") - auch das ein Buch, das aus dem Jahr 2014 in den Bücherfrühling "mitgenommen" wurde. Fast die Hälfte der eingereichten Bücher stammte aus dem vergangenen Jahr. "Das hat uns schon überrascht", und es habe auch für Diskussionen in der Jury gesorgt. Der Hamburger Kritiker Rainer Moritz bestätigt, dass eher wenige Bücher von 2015 bislang überzeugten: "Dieses Frühjahr in der deutschen Belletristik war nicht das stärkste aller Frühjahre."