Magdeburg l Eine Operetten-Fachtagung in Dresden hatte 2005 eine Renaissance dieser Musikgattung eingeläutet. Fern vom Verdacht verstaubter "Heimatschinken" werden seither die großen Jazz-Operetten der 1930er Jahre wiederentdeckt.

Darunter immer öfter Werke von Paul Abraham, so sein "Ball im Savoy" an der Komischen Oper Berlin, der seit 2013 vor allem auch junges Publikum für das Revuetheater seiner Großeltern begeistert. Auch am Nordharzer Städtebundtheater lief die frivole Revue-Operette vor zwei Jahren, die Oper Halle zieht im kommenden Mai nach.

Der Magdeburger Autor Dirk Heidicke hat mit seiner Uraufführung "Abraham" für die Kammerspiele Magdeburg jetzt ein beachtenswertes Schauspiel über den vom Biografen Klaus Waller als "tragischen König der Operette" bezeichneten Komponisten vorgelegt. Jörg Schüttauf und Susanne Bard wurden im restlos ausverkauften Blüthner-Saal der Stadthalle gefeiert.

Hätte Paul Abraham bereits Mitte der 1920er Jahre in Berlin gelebt, wäre der spätere "Shootingstar" vielleicht auch zur Theaterausstellung nach Magdeburg gereist, wo sich 1927 die Operettengrößen der Zeit die Taktstöcke in die Hand gaben.

Der in Ungarn geborene Komponist jüdischer Abstammung kam aber erst 1930 nach Berlin, wo seine steile Karriere nach nur drei Jahren jäh endete, nachdem seine Musik von den Nationalsozialisten verboten wurde und der Komponist zunächst nach Budapest, später Paris und Havanna und schließlich nach New York floh.

Heidickes streng an der tragischen Biografie Abrahams entlang entwickeltes Kammerspiel setzt ein, als Abraham geistig umnachtet nach Deutschland zurückkehrt. Umsorgt von seiner Ehefrau Sarolta versucht er die Bruchstücke seines Lebens zusammenzusetzen.

Geschickt verwebt der Autor die biografischen Schlaglichter mit den Erfolgsmelodien des Komponisten zu einem äußerst dichten musikalischen Abend, der immer dann besonders unter die Haut geht, wenn die arglos-fröhlichen Texte der Nummern abrupt an die knallharte Realität des aufziehenden Nationalsozialismus geschnitten werden.

Eben noch singt Susanne Bard zum Vergnügen des Publikums "Heut` hab ich ein Schwipserl" - im nächsten Moment pöbeln Komparsen den Komponisten als "Drecksjuden" an. Den naiven - "Sie können doch keinen Krieg gegen die Operette führen" - jedoch immer auch mit einem Hang zur Selbstinszenierung versehenen Musiker lässt Jörg Schüttauf in der Regie von Klaus Noack oft unmerklich mit den Operettenfiguren verschmelzen.

Diese Traumwelt, die quälenden Erinnerungen und schließlich den Verlust von Realität zeigt er überbordend, verzweifelt, poetisch. Im Kopf bleiben die Bilder, wie der von Perfektionismus getriebene Dirigent seine Musiker anraunzt, aber auch, wie er kurz vor seiner Einlieferung ins größte Irrenhaus New Yorks auf seiner winzigen Dirigentendrehbühne den Autoverkehr in der Metropole dirigiert, ein nicht verbürgtes, aber oft kolportiertes Sinnbild für das tragische Schicksal des emigrierten Künstlers.

An seiner Seite spielt Susanne Bard alle Frauenrollen, von der Ehefrau, Tippse, Hure, Operettendiva bis hin zur Anstaltsinsassin, oft in atemberaubenden Szenenwechseln. Beide begeistern mit schmissigen Hits aus den Erfolgsoperetten des Komponisten, begleitet von Jens-Uwe Günther am Klavier, der in der Manier eines diskreten Butlers auch mal kleinere männliche Nebenrollen übernimmt.

"Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände" singen beide zum Schluss und lassen schmerzlich spüren, welch kreatives Potenzial eines Künstlers, womöglich einer ganzen Musikrichtung, mit der Zerstörung dieser Künstlerexistenz vernichtet wurde. Die platten Schlager der 1950er Jahre, die aus dem Radio auf der Bühne dudeln, lassen es ahnen.

Weitere Vorstellungen von "Abraham" sind in dieser Woche am Donnerstag, Freitag und Sonnabend jeweils um 20 Uhr im Blüthnersaal der Magdeburger Stadthalle geplant.