Magdeburg (jub/vs) l Nach den Gründerzeitjahren entdeckten Künstler in Deutschland das Studium der Natur als Quelle innovativer gestalterischer Ideen neu. Das machte sich im frühen 20. Jahrhundert auch in der Lehre der Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule bemerkbar, die im Zentrum einer neuen Ausstellung steht.

Der Magdeburger Verein Forum Gestaltung zeigt in seiner Schau "Natur:Gestalt" ausgewählte Arbeiten von Schülern und Lehrern der Kunstgewerbeschule und beleuchtet so die Geschichte der Schule, ihre Bedeutung für Magdeburg und die Folgen des Verlustes in den 60er Jahren. Damit folge die Schau inhaltlich klar dem Hauptanliegen des Forum Gestaltung, erklärt Geschäftsführer Norbert Pohlmann. "Eine der Gründungsideen des Forums war es ja, Kunst nicht nur zu verwalten, sondern sie in der Gegenwart zu spiegeln." Mit dieser Ausstellung und der parallel laufenden Schau "Gerhard Lahr - Zeichnen heißt sehen lernen" zeige das Forum "den Weg vom Studium der Natur hin zu künstlerischen Ableitungen", so Pohlmann.

Lehrer-Arbeiten wie der fast trotzig aufstrebende rote "Phönix" - ein Plakatentwurf für die Wiederaufbau-Ausstellung der Stadt aus dem Jahr 1947 - von Wilhelm Deffke, die Blätter von Albin Müller und Johannes Molzahn oder der Nachbau eines Stuhles des Studenten Karl Hesse offenbaren, welch fortschrittlicher Geist in den Räume der Brandenburger Straße geherrscht haben muss.

Nachlass Gerhard Lahrs nahezu komplett

Beeindruckend auch die vielen Arbeiten von Schülern, die zum Teil nicht mehr namentlich zugeordnet werden können, denn die Auflösung der Schule fand brutal, bilderstürmerisch und ohne jede kunstgeschichtliche Aufbereitung statt. Vieles landete auf Lastwagen oder im Müll, für die Feststellung von Autorenschaften oder die Katalogisierung des Bestandes war weder Zeit noch bestand daran ein Interesse, auch weil der letzte Direktor die Zerschlagung der Schule ganz im Sinne der kulturpolitischen Entscheidungsträger vorantrieb. 2004 kamen dann die ersten Arbeiten aus Privatbesitz zurück und bildeten den Grundstock des Forum-Gestaltung-Archivs.

Nahezu komplett indes ist der Nachlass des Künstlers Gerhard Lahr erhalten. Ausgebildet in der Brandenburger Straße, wurde er später zu einem der profiliertesten Buchillustratoren der DDR. Ein Ausschnitt aus dem Schaffen seiner Studienzeit in Magdeburg an der Fachschule für angewandte Kunst ist nun erstmals für die Öffentlichkeit überhaupt zugänglich und im zweiten Teil der Ausstellung zu sehen.

Mit der sinnlichen und künstlerisch hoch anspruchsvollen Doppelschau zeigt Kurator Norbert Eisold nicht nur beeindruckende Kunst, sondern Denkwege, Kreativprozesse und moderne Lehrhaltungen auf, wie sie in Magdeburg noch bis zum Jahr 1963 zu finden waren. Und er macht deutlich, was der Verlust einer künstlerischen Ausbildung für die kulturelle Gemengelage einer Stadt bedeuten kann.