Halberstadt l "Peer Gynt" von Henrik Ibsen ist ein ganz besonderer Stoff - ob auf der Schauspiel- oder der Ballettbühne. Im Tanztheater wurde die Lebensreise des Tagträumers Gynt in jüngerer Zeit unter anderem in Hamburg, Berlin, Dessau und Leipzig aufgeführt. Mit unterschiedlichen Ansätzen - mit der Musik von Edvard Grieg oder von Alfred Schnittke, halbszenisch oder mit Einsatz des Balletts oder mit einem gesamten Drei-Sparten-Ensemble.

Halberstadt entschied sich für die Musik Griegs mit dem ganzen Orchester, für die grandios empfindsame, kommentierende Sopranistin Runette Botha und die Stimme des Schauspielers Gerold Ströher, den Sinngehalt dieser Odyssee um Selbstbetrug und verfehlte Selbstverwirklichung tänzerisch und musikalisch zu erzählen. Die Inszenierung wurde noch vom 2014 verstorbenen Ballettchef Jarosaw Jurasz vorbereitet. Konzentriert auf wichtige Kernszenen des Ibsen-Epos führt nun der Gastchoreograph Can Arslan mit einer Bilderflut sehr glaubhaft durch Peer Gynts Weibergeschichten, auf die Innenwelten seines Helden fokussiert. Er entführt den Betrachter mit nur zehn Tänzern in ein Abenteuerland der Tanzbilder. Gynts Träume von Einfluss und Reichtum bleiben dagegen schemenhaft. Die erträumte goldene Krone als Machtsymbol bleibt nicht auf seinem Kopf.

Der Tanzstar Alexandre Delamare (alternierend mit Jaume Bonnin in den nur acht nachfolgenden Vorstellungen bis Mitte Mai) gibt ihn als unbekümmerten Bauernjungen. Die Verletzungen, die er insbesondere den Frauen zufügt, werden ihm nicht bewusst. Spielerisch geht er über all ihre Leiden hinweg. Er wird nicht erwachsen. Er altert nicht - ähnlich wie der Narziss Dorian Gray in Oscar Wildes Roman.

Frauen sind das Schicksal des Egomanen

Das gleichfalls alternierende Ballettensemble tanzt in bester Spiellaune als Gäste einer norwegischen Hochzeit, als Trolle, als Reisende in Marokko oder als Geisteskranke in Kairo. Die Kostüme von Bühnenbildnerin Andrea Kaempf geben Fingerzeige auf die Handlungsorte.

Die Frauen um Peer Gynt: Ganz in Schwarz die Mutter Åse (Anna Vila). Gynt stößt sie von sich. Sie wird - in einen gläsernen Käfig verbannt - die Eskapaden ihres geliebten Sohnes bis zu ihrem Tod ohne Körpersprache verstummt begleiten. Das Mädchen Solveig in Grau (Masami Fukushima) liebt ihn - und wird von dem Geliebten verstoßen. Er erobert Ingrid (Shainez Atigui) - die Braut eines anderen. Peer Gynt raubt sie und ist ihrer bald überdrüssig. Er lässt seine Lust bei den drei Sennerinnen (Yuriya Nakahata, Bárbara Flora de Freitas, Risa Tero) erwachen. Er verliebt sich in die grüne Frau (Shainez Atigui), die Tochter des Trollkönigs - und entkommt nur mit Mühe dieser Verbindung. Dann versucht er, die verführerische Anitra (Masami Fukushima) im exotischen Beduinenkostüm zu gewinnen. Frauen sind das unentrinnbare Schicksal des Tagträumers und Egomanen in allen Lebenssituationen.

Wer ist er wirklich? "Das Gyntsche Ich ist ein Heer von Wünschen, Lüsten und Begehr", schrieb Henrik Ibsen 1880. Der große Krumme (Vinicius Augusto Menezes da Silva alternierend mit Naoki Kataoka) wird zum kraftvoll-männlichen Gewissen Peer Gynts, führt ihn durch Verlockungen. "Wer bist du? Sei du selbst!" Noch ist es Gynt nicht. Fast nackt und von strahlender Schönheit wird er im Kairoer Irrenhaus von den Insassen vergöttert.

Runette Botha fügt mit ihrer wundervollen klaren Singstimme ganz eigene Deutungen zum Kosmos der Ballettbilder hinzu. "Der Winter mag scheiden, der Frühling vergehn ..." - das Lied der wartenden Solveig ist die Begleitmusik zu einem traumhaften Pas de deux. Erst ein rotes Band der Liebe bringt beide nach langem Leben und Leiden zusammen. Zusammengekrümmt wie ein Embryo im Leib der Mutter liegt Peer Gynt da. "Schlaf, du treuester Knabe mein! Ich will wiegen mein Kind und wachen" - es ist das ewig währende Liebesversprechen Solveigs in ihrem Wiegenlied. Ganz großes Kino!

Ein ganz großes Erlebnis schafft auch der sensible Orchesterzauber, den Michael Korth entfacht. Vom ersten Ton der "Morgenstimmung" mit sorgfältigst gearbeitetem Klang der Flöte, der Streicher und der Hörner bis zu den wundervollen Pianissimo-Stellen. Welch Bewegung und Emotion! Dieser melancholische Grieg ist ebenso zupackend wie hauchzart - sehr sehens- und hörenswert.