Magdeburg l Verletzte Liebe, aber auch Gleichgültigkeit oder Egoismus zwischen Paaren ist meist der Nährboden für das bekannte Gefühl von Wut, von hilfloser Ohnmacht, die zu Aggression oder gar Hass führt. Doch wenn die schlimmste Verwünschung ausgesprochen, wenn die aggressivste, ohnmächtige Wut verbraucht ist, dann kann die Liebe, sofern noch vorhanden, die Medizin der Heilung sein.

Ines Lacroix und Matthias Engel haben sich mit dem Stück "Red du mir von Liebe!", das beständig zwischen dem höchst bitteren Lachen einer Komödie und den beinahe körperlich schmerzenden verbalen Verletzungen einer Tragödie pendelt, einer künstlerischen Aufgabe gestellt, die sie nicht nur schauspielerisch förmlich durchleiden.

Die seelischen Abgründe eines Ehepaares
Der lothringische Schriftsteller, Dramatiker und Filmregisseur Philippe Claudel taucht hier mit seinem Werk ganz tief in die seelischen Abgründe eines Ehepaars ein, das alles an Enttäuschung, Frust, Eifersucht und gegenseitiger Herabwürdigung aufbietet, um den anderen wenigstens mit Worten in die Knie zu zwingen. Kein Mitleid hindert, kein Mittel wird ausgelassen, sich gegenseitig zu erniedrigen, lächerlich zu machen, mit Worten zu verletzen. Die tun oft mehr weh, als der Schnitt mit einem scharfen Messer.

Claudel bietet Dialoge, die nicht künstlerisch verbrämen oder Aussagen überhöhen, sondern verbale Rundumschläge, wie sie tatsächlich vorkommen.

Ines Lacroix und Matthias Engel tauchen dabei bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung in die Rollen ein. Sie durchleben förmlich die wie mit einem Seziermesser an der richtigen schmerzhaften Stelle angesetzten gegenseitigen Verletzungen, damit diese auch richtig wirken.

Anfangs überwiegt noch das Lachen, wenn das Publikum sich in den rituell wiederkehrenden Anwürfen, die jeder aus eigener Erfahrung kennt, entdeckt.

Doch auch dieses Lachen ist eher bitter, denn jemanden der Lächerlichkeit preiszugeben, ist vielleicht ein momentaner "Erfolg", der letztlich allerdings die eigene Würde herabsetzt.

Doch auch dieses Lachen erstickt, wenn in unendlich hilfloser Wut dem Partner der Tod gewünscht wird. Das ist genau der Moment in dem Stück, in dem sich das Blatt wendet, in dem die zugefügten gegenseitigen Verletzungen des Ehepaars selbst den Zuschauern Schmerzen bereiten. Es reicht, hört auf, möchte man zur Bühne rufen, denn alles, was jetzt noch kommen kann, ist die Selbstzerstörung. Doch es hört nicht auf.

Die Liebe bekommt doch noch eine Chance
Der vom Niederrhein stammende Regisseur Marcus Kaloff hat schon vor Jahren in Magdeburg als Schauspieler seine Spuren hinterlassen. Mit der Inszenierung im Theater an der Angel hat er alles andere als eine leichte Aufgabe übernommen. Dieses Theater hat einen eigenen Charakter und eine eigene Struktur. Hier kann man nicht wie in einem großen Haus vom Regiepult aus durchsetzen, was einem wichtig ist. Stattdessen ist es ein gemeinsames Ringen um Lösungen, die von allen getragen werden.

Doch die Mühe hat sich gelohnt, denn herausgekommen ist eine Inszenierung, die in ihrer Authentizität kaum zu überbieten ist. Obwohl jede Seite in diesem Geschlechterkampf eines Ehepaares versucht, den anderen zu verletzen oder herabzusetzen, wird die Würde eines jeden nicht so weit beschädigt, dass es kein Zurück gibt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Liebe schließlich doch noch eine Chance bekommt. Augenscheinlich wird das in dem stetigen Bemühen, den Koffer zu packen und die Beziehung durch Trennung zu beenden. Doch immer wieder ist es ein Satz, eine Bemerkung, die den Streit wieder aufleben lässt. Ganz so, als ob man miteinander nicht kann, es ohneeinander aber auch nicht geht.

"Red du mir von Liebe!" ist eine schmerzhaft berührende, fast brutal schonungslose Analyse, wie gesellschaftliche Veränderungen im Beziehungsverhältnis zwischen Mann und Frau eine fast bis zum Zerreißen gespannte Verbindung bilden. Diese Beziehung, die sich im realen Leben fast immer im Verborgenen der eigenen vier Wände abspielt, auf die Bühne zu holen und damit einen dringend erforderlichen Gesprächsanstoß zu geben, ist notwendiger denn je. Den "Anglern" vom Magdeburger Werder ist das mit einer Intensität gelungen, die niemanden kalt lässt, weshalb man sich diese Inszenierung auf keinen Fall entgehen lassen sollte.