Quedlinburg l "Der Stein" führt zurück ins Dresden des Jahres 1935. Die arische Familie Heising rafft sich "mit beiden Händen" ihr Teil: Die jüdische Familie Schwarzmann ist gezwungen, ihr Haus zu verkaufen, um zu emigrieren. Dennoch fliegt ein Pflasterstein in die nunmehr "arischen" Fensterscheiben. Der Nazimob hat den Besitzerwechsel noch nicht mitbekommen. Dieser Stein gab dem Stück den Titel.

Die Zeiten wechseln in den kommenden 70 Jahren. Die Hausbewohner auch. Die Frauen der Heisings fliehen in den Westen und kehren nach dem Einigungsvertrag in den 90er Jahren mit seiner Regelung "Rückgabe vor Entschädigung" zurück. Das Geflecht aus Lügen, Schuld und Verdrängung ist in all den Jahren mit Naziterror, kommunistischer Willkür im Osten und eilfertiger Vergangenheitsbewältigung in der BRD dicht gewuchert. Undurchdringlich. Nicht aufzulösen.

Man sollte meinen, dass sich historische Wahrheiten nicht umdeuten lassen. Der Dresdner Philosoph Victor Klemperer hat mit seinem Buch "L.T.I." viel gegen das Vergessen getan. Aber die Pegida-Demonstrationen sind schon ein erschreckendes Beispiel für kollektiven Gedächtnisschwund.

Regisseur Hannes Hametner, seine Dramaturgin Johanna Jäger und der Ausstatter Giovanni de Paulis gehen mit dem Seziermesser an die Inszenierung. Schnelle Zeitsprünge zwischen den Ebenen. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Heising-Frauen mit Kostümteilen im Nazi-Braun. Hinter einem hauchdünnen Gazevorhang - der Projektionsfläche für die Jahreszahlen 1935, 1945, 1953, 1978, 1993 - der große Schreibtisch, das ungeliebte jüdische Klavier. Darauf musiziert "Mieze" Schwarzmann (Mona Luana Schneider) unendlich schön Johann Sebastian Bach. Die Goldberg-Variationen mit dem Klarinettisten Jürgen Grözinger. Ganz stark seine Bühnenmusik - eine Reminiszenz an Bombennacht und Zerstörung der Stadt.

Gerold Ströher ist der einzige Mann im Schauspiel. Schwarzmann war sein ehemaliger Chef am veterinärmedizinischen Institut. Ströher gibt einen heldisch strammen Offizier, der sich 1945 als letzten Ausweg erschießen muss.

Sybill Güttner-Selka ist die höchst unsympathische Witwe Witha Heising. Scheinbar loyal und gut bürgerlich, blättert der Lack schnell ab. Sie wird zum Zentrum von Lüge und Verdrängung. Sie stilisiert den toten Gatten im Dialog mit ihrer Tochter Heidrun (Marie-Luis Kießling) zum neuen Helden um. In einem Schulreferat verkündet dann Enkelin Hannah (Lisa Marie Liebler): "Mein Großvater hat 1935 die Flucht ins Ausland finanziert. Die Schwarzmanns sind über Amsterdam in die USA emigriert. Frau Schwarzmann lebt heute noch in New York und ist eine berühmte Galeristin und Kunsthändlerin. Sie hat das Werk von Max Beckmann in Amerika bekannt gemacht." Ein Wunschtraum der Enkelin. Die Schwarzmanns gingen in die Vernichtung ...

Für die DDR-Zeit führt Mayenburg noch den Punk Stefanie (Julia Siebenschuh) in die Handlung ein. Sie hat den kärgsten Part zu spielen, ihre Kindheitserinnerungen preiszugeben.

Uraufführung von "Der Stein" war 2008 in Salzburg und Berlin. Mit der neuen Inszenierung gastiert das Nordharzer Städtebundtheater am 15. März zur Eröffnung der Landesbühnentage Dresden. Ein sehr gewichtiger Beitrag, aktueller denn je!

Weitere Aufführungen in Halberstadt am 13. März und am 17. April, jeweils 19 Uhr. Außerdem in Quedlinburg am 28. März.