Magdeburg l Es ist mucksmäuschenstill im Schinkelsaal des Magdeburger Gesellschaftshauses, als Natalia Unruh ihre Blockflöte fest umfasst und mit einem Kopfnicken ihrem Begleiter am Cembalo, Sebastian Knebel, ein Zeichen gibt. Sie ist die Nummer 34 von über 70 Teilnehmern beim 8. Internationalen Telemann-Wettbewerb in Magdeburg, die der international zusammengesetzten Jury vorspielen dürfen. Schwerstarbeit leisten auch die Juroren, die drei Tage lang im ganz in Gelb und Weiß gehaltenen Schinkelsaal bis spät in den Abend den sehr unterschiedlichen Interpretationen Telemann´scher Musik kritisch lauschen. Erst dann beginnt die Auswertung, wer einen der Preise für Blockflöte, Traversflöte, Oboe, Violine oder Viola da Gamba in Empfang nehmen darf.

Genau 20 Minuten hat die 23-jährige Natalia Unruh, die seit 2011 an der Hochschule für Musik in Freiburg im Breisgau studiert. Keine Minute länger. Wer sich in den Variationen seines Stückes zeitlich verliert, wird von der Jury gnadenlos gestoppt. Doch die zierliche, blonde Frau ist höchst konzentriert und diszipliniert, hält ihre Vorgaben exakt ein.

Einfach ist das nicht, angesichts der Hochspannung, die vor so einem Auftritt selbst bei den gut drei Dutzend fachkundigen Zuhörern herrscht. Immerhin müssen sich die Solisten - das Durchschnittsalter der Teilnehmer ist 27 Jahre - in der ersten Runde ihres Instruments auf sieben Musikstücke Telemanns vorbereiten.

Per Los wird dann entschieden, was gespielt wird. Für die Begleitung am Cembalo, sofern die Musiker ihre Begleitung nicht mitbringen, gibt es nur eine Probe im Vorfeld des Wettbewerbs. Bei Natalia Unruh war das so. Da ist also höchste Professionalität gefragt. Zwar hat sie dank ihres Parallelstudiums der Psychologie das Lampenfieber vielleicht besser im Griff als ihre Kontrahenten, aber das befreiende Lachen nach ihrem Auftritt zeigt doch, wie groß die Anspannung war.

Die kurze Pause bis zum nächsten Auftritt wird auch von den Juroren zum Luftholen genutzt. Den Vorsitz hat Professor Jesper Bøje Christensen (Dänemark/Schweiz), Mitglieder sind Professor Michael Schneider (Deutschland), Professorin Karin van Heerden (Südafrika/Österreich), Professor Anton Steck (Deutschland) und Professorin Rebeka Rusó (Slowakei/Schweiz). Vor ihnen liegen noch etliche Stunden höchster Konzentration. Schließlich ist die Vergleichbarkeit der verschiedenen Instrumente nicht einfach. Eine Blockflöte bietet andere musikalische Möglichkeiten als eine Violine, was Telemann in seinem Schaffen aber stets berücksichtigte.

Da Perfektion auf dem jeweiligen Instrument bei einem so hochkarätigen Wettbewerb vorausgesetzt wird, geht es vielmehr um den Gesamteindruck, den Charakter der Interpretation. Telemann bietet dafür sowohl in der Zahl der Musikliteratur als auch in der Art der Kompositionen jede Menge Raum. Die Variationen um die Themen in der Musik, die Art und Weise der Interpretation und der Gesamteindruck des Charakters der Wiedergabe sind entscheidende Kriterien.

Viele Gründe also, sich die Entscheidung nicht leicht zu machen. Und das machen die Juroren auch nicht. Man spürt die Konzentration, wenn sie sich Notizen machen, um die Phrasierung an der einen oder anderen Stelle oder Besonderheiten des Spiels später in der Auswertung zu berücksichtigen. Wer in einer der ersten Runden ausscheidet, hat die Möglichkeit, mit den Mitgliedern der Jury seine Leistung zu besprechen. Wann hat man schon mal als junger Musiker die Chance, von so geballter Sachkunde internationaler Experten wertvolle Hinweise für die weitere musikalische Arbeit zu erhalten?

Die Karriere der jungen Solisten beginnt übrigens häufig in diesem gelb-weißen Schinkelsaal in Magdeburg, wie Dr. Carsten Lange, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied der Telemann-Gesellschaft e. V. und Wissenschaftlicher Leiter des Telemann-Zentrums Magdeburg, in einer Pause mit gedämpfter Stimme erzählt, um die Vorbereitungen der nächsten Wettbewerbsteilnehmer nicht zu stören. Praktisch alle Preisträger hätten von hier aus eine internationale Laufbahn gestartet. Grund genug, Kosten und Mühen auf sich zu nehmen, denn alle Teilnehmer tragen ihre Kosten selbst.

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