Magdeburg l Am Anfang steht ein Kaffeefleck. Er sorgt für Störungen im Betriebsablauf einer Packstation. Wohin bloß mit dem Paket mit der nun unleserlichen Adresse? Nach Lummerland!

Wer immer schon wissen wollte, wieso es zu dem folgenreichen postalischen Versehen kommt und der kleine Jim Knopf nicht in der Alten Gasse 33 in Kummerland landet, sondern im Reich von König Alfons dem Viertel vor Zwölften, der sollte sich die Inszenierung des Kinderbuchklassikers von Michael Ende im Magdeburger Puppentheater nicht entgehen lassen. Womöglich gäbe es die ganze Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer ohne besagten Kaffeefleck gar nicht...

Zwei Postangestellte verwandeln sich in Erzähler

Die beiden Postangestellten (Richard Baborka und Leonhard Schubert) verwandeln sich Stück für Stück in Geschichtenerzähler, die die bekannten Abenteuer von Jim Knopf, seines besten Freundes Lukas und der Lokomotive Emma vor den Augen des Publikums aus dem Moment heraus neu zu erfinden scheinen.

Nicht etwa aus einer simplen Puppenkiste, sondern aus einem ganzen Arsenal an hochgestapelten Päckchen, Schachteln und Kartons holen sie ihre Figuren (Mechthild Nienaber) hervor, schieben Fließband und Werkbänke zusammen, bis daraus alles entsteht: die kleine Insel mit zwei Bergen (Lummerland) genauso wie der Kaiserpalast von Mandala, das rot-weiß-gestreifte Gebirge und das unheimliche Tal der Dämmerung, das vom Scheinriesen Tur Tur bewohnte Ende der Welt und das Drachenland Kummerland samt reparaturbedürftigem Vulkan und der geheimen Stadt.

Dort wird die Prinzessin Ling Si festgehalten, um deren Befreiung aus den Händen der schrecklichen Frau Malzahn es geht. Natürlich spielt die Lok Emma dabei eine Hauptrolle.

In der insgesamt erwähnenswerten Bühneneinrichtung (Ingo Mewes) entpuppt Emma sich als wahres Wunderwerk. Sie zischt, pfeift, qualmt mit dem Halbdrachen Nepomuk um die Wette, blinkt und leuchtet, fährt vorwärts, rückwärts, schwimmt und ist in all dem furchtbar liebenswert!

Michael Ende hätte es gemocht

Mit Fabulierkunst, Spielfertigkeit und -freude auf allerhöchstem Niveau, vielen überraschenden, witzigen und poetischen Momenten kommt die Inszenierung von Regisseur Pierre Schäfer Michael Ende ganz nah: Das wahre Abenteuer liegt für den Menschen in einem Ausflug in das Reich der Fantasie. Für Michael Ende selbst ist sein Erstling zum Wendepunkt geworden: Erst mit diesem Buch beginnt seine Laufbahn als Schriftsteller.

Schäfer hat sich als Neuerzähler großer Stoffe wie der Siegfriedsage, Tristan und Isolde, aber auch von Märchenklassikern einen Namen gemacht. Ihm und seinem Team (Dramaturgie Caroline Gutheil) ist auch hier hier Großartiges unprätentiös gelungen.

Der Zuschauer selbst wird hier in die Magie der erzählten Welt hineingezogen und ist zum Schluss geneigt, auch in der Alltagswirklichkeit für wahr zu halten, was sich in der Fantasiewelt erwiesen hat: Dass böse Drachen besiegt werden wollen, weil in ihnen ein Weisheitsdrache schlummert; und dass man nichts auf Scheinriesen geben soll, die nur von weitem bedrohlich aussehen. Verdientermaßen gibt es viel Beifall. Es scheint nicht allzu vermessen, zu vermuten: Michael Ende hätte es gemocht.

Das Stück ist für Menschen ab vier Jahren gedacht. Bis zum 22. April sind 20 Vorstellungen geplant - laut Theater sind alle ausverkauft.