Halberstadt l Zum 70. Jahrestag der fast vollständigen Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber am 8. April 1945 gab es ein höchst bewegendes Gedenkkonzert am Sonnabend in der St.-Andreas-Kirche. Schon eine Stunde vor Beginn strömte Alt und Jung in das überfüllte Gotteshaus. Großeltern und Eltern erinnerten sich mit Kindern und Enkeln in Gesprächen an die Stunden im April 1945, als die Häuser und Menschen brannten und Bombentrichter um Straßenzüge und Plätze lagen.

An diesem 11. April 2015 hatten Neonazis eine Demonstration angekündigt. Sie wurden in Stille von vielen Halberstädtern in Schach gehalten, die Mozarts Kanon "Dona nobis pacem" sangen -"Gib uns Frieden".

Das Konzert des Johann-Sebastian-Bach-Ensembles aus Weimar, des Domvokalensembles Halberstadt und des Orchesters des Nordharzer Städtebundtheaters war ruhig, nachdrücklich, besonnen. Klaus-Jürgen Teutschbein leitete das zweiteilige Konzert. Ein Erinnern mit großer Sinfonik und Chorkunst gleichermaßen.

Eingangs erklang die "Halberstädter Suite" von Hans Auenmüller. Der gebürtige Dresdner und langjährige Direktor des Halberstädter Theaters hatte die dreisätzige Suite 1965 nach drei Gemälden Walter Gemms komponiert, die zum Konzert in der Andreaskirche ausgestellt waren: Ein Friedensblick über den Holzmarkt mit dem Rathaus zur Martinikirche, dann die gleiche Sicht vom 8. April 1945 auf die brennende Stadt und ein Bild vom beginnenden Wiederaufbau.

Das Beglückendste daran: Die Stadt ist tatsächlich wieder auferstanden! Mit einer Fülle von Kunst, wofür die Interpreten ebenso wie die zuhörenden Persönlichkeiten im Kirchenschiff oder die wieder mit regem Geistesleben erfüllten Bauwerke stehen.

Im ersten Satz der Suite verwendete Auenmüller ein altes Thema des Kirchenmusik-Komponisten Michael Praetorius. Teutschbein ziselierte das Motiv aus dem Orchesterklang fein heraus. Der zweite Satz bringt Klangbilder des Grauens - vom Judenpogrom bis zur Bombardierung 1945. Drei Posaunen und Trompeten, Tuba, Hörner, Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagott machen das Inferno, das Heulen der Sirenen auch den Nachgeborenen deutlich. Fahle Streicherglissandi zeichnen den Tag nach der Katastrophe, bevor ein hämmernder Schlussakkord einsetzt.

Der dritte Satz beginnt verheißungsvoll mit einem Motiv von Streichern, Harfe und den Holzbläsern. Doch das Bild trübt sich ein. Auenmüller komponierte seine Kritik an den sozialistischen Verhältnissen mit einem Marschrhythmus, mit heldisch-hymnischen Klängen.

Die in Halberstadt geborene Publizistin Wibke Bruhns sprach sensible Zwischentexte. Sie schlug darin einen weiten, schmerzhaften Spannungsbogen deutscher Geschichte von ihren Vorfahren bis zu ihrem Vater Hans-Georg Klamroth, der als Mitwisser des Attentats auf Hitler 1944 ermordet wurde. Von der "Reichskristallnacht" und Judenstern über die Bombardierung Londons und Coventrys bis zu den Vernichtungslagern in Auschwitz.

"Das wird man uns Deutschen nie verzeihen", sagte ihre Mutter. "Mein Glück war die Zäsur", sagt Wibke Bruhns. Die Zeit nach den Bränden, nach dem Hitlerismus. "Verstehen will ich, wie entstanden ist, was meine, die Generation der Nachgeborenen so beschädigt hat." Das ist das Credo von Wibke Bruhns; das unterscheidet sie von den Nazis. Ohne ihre Texte ist die Suite nicht mehr vorstellbar.

Nach einer Pause dann zwei ewig gültige Chorwerke des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger: Die 1945 entstandene Trauermotette "Wie liegt die Stadt so wüst" und das "Dresdner Requiem" von 1947/1961. Teutschbein schuf sich dafür mit dem Bach-Ensemble Weimar - aufgeteilt in einen Haupt- und Altarchor - und mit Unterstützung des Domvokalensembles Halberstadt als 25-köpfigem Fernchor unter Leitung von KMD Claus-Erhard Heinrich die grandiose "Wunderharfe", um den weiten Raum der Andreaskirche zum Klingen zu bringen. Solistisch wirkten Christine Cremer (Alt), Gudrun Dreßel (Sopran), Armin Thalheim (Orgel) und Bernhard Wieczorek (Celesta) mit. Überaus bewegend, diesen intonisationssicheren Chören und ihrem großartigen Zusammenspiel zu lauschen.

Ein würdiges Gedenken für Dresden, Halberstadt und Magdeburg, denn am Sonntag gastierte das Ensemble auch im Dom der Landeshauptstadt.