Magdeburg l Für die für ein Ballett etwas ungewöhnliche Länge von gut drei Stunden (einschließlich einer Pause) fordert der Chefchoreograf von seiner Companie konditionelle Höchstleistungen, die mit durchgehend brillanter klassischer Technik der Danse d` Ècole, individueller emotionaler Ausstrahlung sowie einer spürbaren Tanzfreude präsentiert wurden.

Galguera orientiert sich an der berühmten Choreografie von Marius Petita zur Uraufführung 1890 im St. Petersburger Marinski-Theater. Er nimmt die Zuschauer mit in die faszinierende Märchen- und Traumwelt, so wie sie von Charles Perrault in "La belle au bois dormant" aufgeschrieben wurde.

Gewissermaßen gefangen genommen, in den Bann gezogen wurden die Gäste von der zu einer wundersamen Symbiose gewordenen Komplexität von ideenreichem Tanz, zauberhaften und variantenreichen Kostümen und einem realistisch-symbolhaften Bühnenbild, Licht und einigen wenigen, aber stimmigen Effekten. Zu allem kommt die von der Magdeburger Philharmonie unter Michael Balke gespielte wunderbare Musik Tschaikowskis.

Da die Märchenhandlung hinlänglich bekannt ist, entwickelte sich bei vielen Zuschauern eine besondere Spannung und erwartungsvolle Faszination, wie sie nun tänzerisch "erzählt" wird.

Das Publikum kann teilhaben, wie im gold-weiß geprägten Königspalast der festlich gekleidete Hofstaat und andere Gäste mit einem großen Tanzfest die Geburt und Taufe der Prinzessin Aurora feiern. Sie erleben den Auftritt der sechs guten Feen - mit der Fliederfee an der Spitze - in ihren reizvollen pastellfarbenen Tutus, die Geschenke und gute Wünsche für das weitere Leben überbringen, dargeboten in ausdrucksstarken Soli und in variablen Gruppenformationen. Dann ein abrupter Stimmungswechsel. Mit Donner, zu dramatisch klingender Musik und bei dahinkriechendem Nebel beherrscht die nicht eingeladene böse Fee Carabosse im tiefblauschwarzen Kostüm mit ihren schauerlich wirkenden Begleitern zeitweise das Geschehen.

Der das gesamte Ballett durchziehende Konflikt "Gut - Böse" nimmt seinen dramatischen Anfang. In einem spannungsgeladenen Pas de deux - "Tanz-Kampf" - gelingt es der Fliederfee (Anastasia Gavrilenkova), den Todesfluch der Carabosse (Leah Allen) in den bekannten 100-jährigen Schlaf hinter einer Dornenhecke abzumildern. Beiden sehr engagiert agierenden Tänzerinnen nimmt man ihr Tun und Wollen, ihre entgegenstehenden Gefühlslagen unbenommen ab.

Alles versinkt in einen tiefen langen Schlaf. Ein Prinz wird kommen, Aurora küssen, und alles wird gut sein.

Doch der Prinz muss erst einmal das Schloss und die Prinzessin finden. Daniel Smith bemüht sich in dieser Rolle sichtlich, mit der strahlenden Lou Beyne als Aurora auf Augenhöhe zu bestehen.

Zu den beeindruckenden Szenen mit effektvoll eingesetzten halbtransparenten Vorhängen gehört diese von der Fliederfee "eingerührte" herumirrende Suche im Wald mit Waldgeistern und Visionen von Prinzessin Aurora. Auch hier möchte Carabosse "mitmischen".

Es kommt schließlich, wieder mit viel Tanz in Soli, in Pas de deux und faszinierend opulenten Corps-de-ballet-Auftritten zum dem bekannt guten Ende. Der Prinz küsst Aurora. Alles erwacht. Ein noch größeres und vielseitiges Tanzfest wird gefeiert.

Auch in der dritten Stunde verfolgen die Gäste mit Aufmerksamkeit und Lust die Tanzperformance, die sicher mit einigen ausgewählten Szenen wie dem Rosen-Adagio, dem Pas de deux des Blauen Vogels und Florine oder dem fast abschließenden Hochzeits-Pas-de-deux besondere Höhepunkte hat, jedoch insgesamt ein in sich geschlossenes und beeindruckendes Balletterlebnis für die ganze Familie darstellt.

Bei mehreren Vorhängen dankte das Publikum, nach bereits reichlichem Szenenbeifall, dafür mit Bravorufen und stehenden Ovationen.

Und wie geht eigentlich der Hauptkonflikt aus? Als im Palast gejubelt und gefeiert wird, treffen vor einem transparenten Vorhang zu beiden Seiten der Vorbühne die Fliederfee und Carabosse aufeinander: Doch, wenn auch das Gute diesmal gesiegt hat, existiert das Böse dennoch weiter.

Die nächste Vorstellung ist am Sonnabend, dem 18. April, um 19.30 Uhr.

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