Magdeburg l Was ist das nun? Eine musikalische Lesung, wie es auf dem Programmzettel steht, oder ein kammermusikalisches Konzert mit Rezitation? Beides trifft auf diesen Abend im Magdeburger Gesellschaftshaus zu, der von seltenen magischen Momenten berichtet, in denen erfahrbar wird, was Musik, Kunst, Leben sein können: (Ver-)Dichtung, Zwiegespräch mit einer Dimension, die größer ist als die eigene Existenz.

"Georg Friedrich Händels Auferstehung" heißt das Programm nach dem gleichnamigen Text von Stefan Zweig. Dass tatsächlich eine Sternstunde folgt, liegt nicht allein an der pointierten, gleichermaßen strengen wie einfühlsamen Sprechkunst des Schauspielers Hans-Jürgen Schatz, der zugleich Frontmann und Ideengeber ist. Das ganze Ensemble ist hochkarätig. Schatz selbst bezeichnet es als "Geschenk", dass Hedwig Bilgram, die deutsche "grande Dame" des historisch informierten Cembalospiel mit von der Partie ist. Sie hat auch das musikalische Konzept entwickelt.

Angesichts der lebendigen und berührenden Ausdruckskraft ihres solistischen Spiels will man Bilgram die 82 Jahre kaum abnehmen. Nicht minder beeindruckend ist, wie sie sich zugunsten des phänomenalen und wegweisenden Spiels des Oboisten der Berliner Philharmoniker, Christoph Hartmann, zurückzunehmen und dabei stets musikalische Mitte zu bleiben weiß. Erstmalig mit von der Partie der Cellist Wen-Sinn Yang, der sich hervorragend einpasst.

Erzählt wird die Entstehung von Händels Oratoriums "Der Messias". Die Geschichte spielt während der Londoner Zeit des in Halle geborenen Komponisten. Mittlerweile 52-jährig, ist der Superstar seiner Zeit in der Krise: Seine Opern ziehen nicht mehr, er steht vor dem Bankrott. Als er "mit vollsaftiger Wut" aus einer Probe kommt, erwischt ihn ein Schlaganfall, hinterlässt ihn rechtsseitig gelähmt.

Wie Händel sich entgegen negativer Prognose der Ärzte während eines Kuraufenthalts seine Genesung erarbeitet, indem er statt der empfohlenen drei neun Stunden täglich in den heißen Quellen badet, ist nur der erste Teil des zu berichtenden Wunders. Im Aachener Dom findet er seine Sprache - die Musik - wieder, gestaltet sie zu "tönendem Licht" (Zweig).

Es folgt Händels zweite Depression, diesmal psychisch. Lebens- und schaffensmüde irrt der abermals ruinierte Musiker durch das nächtliche London. Am tiefsten Punkt der Verzweiflung wird ihm ein Päckchen zugestellt, es enthält das Libretto des Messias. "Schon wieder ein Oratorium", seufzt er. Doch als er, nachts noch, beginnt zu lesen, ereignet sich das nächste Wunder: Er kann in seinem Inneren die Musik wieder hören.

Wie das 1741 tatsächlich binnen 24 Tagen entstandene opulent besetzte Oratorium inklusive des berühmten "Hallelujah" hier auf drei Instrumente reduziert dargeboten wird, ohne einen Funken der Essenz preiszugeben, ist ein weiteres Wunder. Ebenso, wie hier alle Akteure einander zugewandt und mit Respekt vor den Vorlagen agieren.