München (dpa) l Rainer Werner Fassbinder gilt als der vielleicht größte deutsche Filmemacher. Als der Regisseur im Juni 1982 viel zu früh starb, wurde er zu einem Mythos. Eine Dokumentation, die jetzt, kurz vor seinem 70. Geburtstag, ins Kino kommt, will diesem Mythos auf den Grund gehen. Grimme-Preisträgerin Annekatrin Hendel ("Vaterlandsverräter") bringt das Leben des Enfant terrible des deutschen Films unter dem schlichten Titel "Fassbinder" auf die Leinwand. Am 31. Mai wäre Fassbinder 70 geworden. In der Werbung für die Dokumentation heißt es: "Der Film erzählt von siebenunddreißig Jahren Selbstverbrennung."

Filmemacherin Hendel lässt nicht nur Weggefährten des Filmrebellen wie die Schauspielerinnen Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen zu Wort kommen, sondern vor allem Fassbinder selbst. Sie verbindet autobiografische Elemente seiner Werke, bisher unveröffentlichte Passagen aus seinem schriftstellerischen Frühwerk und seltene Interviews zu einer beeindruckenden Collage.

Er habe immer gewusst, dass er Filme machen würde, zitiert der Film Fassbinder selbst. "Das war für mich nur eine Frage der Zeit." Im Film heißt es: "Bis heute gilt Rainer Werner Fassbinder als der umstrittenste und obsessivste deutsche Filmemacher." Das Gesamtwerk, auf das er es in seinem viel zu kurzen Leben brachte, umfasst um die 40 Filme wie "Katzelmacher" oder "Angst essen Seele auf" - sowie 17 Theaterstücke.

Nach und nach ergibt sich im Film ein Bild von dem Regisseur, der seine Ansprüche an sich einmal so formulierte: "Ich möchte für das Kino sein, was Shakespeare fürs Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war: Jemand, nach dem nichts mehr ist wie zuvor."

Es ist keineswegs eine distanzlose oder gar unkritische Annäherung an Fassbinder, die Hendel vorgelegt hat - ganz im Gegenteil. Die Menschen, die von ihren Erinnerungen an Fassbinder erzählen, schildern ihn vor allem als gnadenlos. "Der Fassbinder war ein Mensch, dem viele hörig waren", sagt etwa Schauspielerin Schygulla. "Irgendwie hat er es geschafft, mich immer zu Tränen zu bringen", sagt Hermann. Vor 50 Leute habe er Intimitäten ausgeplaudert und sie "fertiggemacht".

Ganz explizit geht es im Film auch um das ruhelose Liebesleben Fassbinders, um seine für damalige Verhältnisse skandalös offen zur Schau gestellte Bisexualität.

Schygulla, die Fassbinder in einer Schauspielschule kennenlernte, erinnert sich so an ihre erste Begegnung: "Der ist mir sofort aufgefallen. Der hatte gleichzeitig was Rührendes und was Beängstigendes, was Verletzliches und was Raubtierhaftes", sagt sie. "Wenn der was gemacht hat, das war immer anders als bei anderen." Ein "Bürgerschreck" sei er gewesen.