Wien (dpa) l Den Militärs behagte der Gedanke nicht: Festungsmauern schleifen, das Schussfeld bebauen. Doch Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) ließ sich nicht beirren. Wien sollte - auch nach dem Vorbild von Paris - endlich als prachtvolle Metropole glänzen. 1857 war sein Entschluss zum Bau der rund fünf Kilometer langen Ringstraße gefallen. Sie sollte gesäumt werden von prächtigen privaten Palais und imposanten öffentlichen Bauten.

Am 1. Mai 1865 wurde der Boulevard eröffnet - oder das, was davon fertig war. Im Fernduell mit Berlin wollte der Habsburger signalisieren: "Wien ist die eigentliche deutsche Hauptstadt", sagt der Kurator des WienMuseums, Andreas Nierhaus. Zahlreiche Museen der Stadt erinnern in den nächsten Monaten an das historische Mega-Projekt.

Der Stadtumbau hat manche Maßstäbe gesetzt: Mit großer Transparenz wurden die Pläne veröffentlicht, ein damals völlig unüblicher internationaler Wettbewerb lieferte viele gute Ideen und - nicht ganz unwichtig - das Projekt wurde mit Gewinn abgeschlossen. Der "Stadterweiterungsfonds" bilanzierte bei seiner Abrechnung 1914: 102 Millionen Gulden Ausgaben und 112 Millionen Gulden Einnahmen.

Dem Staat war es gelungen, die Bauflächen in der Größe von mehreren hundert Fußballfeldern so teuer an Privatleute zu verkaufen, dass davon Bauten wie die Staatsoper, das Kunsthistorische Museum oder die Neue Hofburg mitfinanziert werden konnten.

Entscheidend war, dass die reiche jüdische Bevölkerung als Immobilien-Käufer auftreten konnte. Ihnen wurde 1860 der Erwerb von Grund und Boden gestattet. "Man hat diese Käuferschicht sehr klug erschlossen", sagt Nierhaus. Der Geldadel ließ wie erhofft palastartige Gebäude errichten.

Was die Bürger von der jahrzehntelangen Baustelle hielten, ist nur sehr mager dokumentiert. "Viele haben den Spaziergang auf der Bastei vermisst, der Boulevard wurde nur sehr zögerlich angenommen", meint Nierhaus. Die Pracht der Straße konnte auch bedrücken. "Die monumentalen Gesten, die uns umgaben, beflügelten die Seele nicht; sie warfen einschüchternde Schatten", formulierte der vor den Nazis geflohene Wiener Schriftsteller Frederic Morton.

Zur Popularität der Straße trugen schließlich aber die zahlreichen Kaffeehäuser bei. Sie offerierten ihre Spezialitäten, Zeitungen, Billardtische und Pfeifen zum Mieten. Von einst 27 gibt es heute nur noch drei Traditionshäuser - ohne Mietpfeifen und Billard.

Die Einstellung gegenüber der Ringstraße und ihrer Architektur war oft kritisch. Der Historismus - Bauten wurden nach früheren griechischen, italienischen oder flämischen Vorbildern gestaltet - sei bis vor wenigen Jahrzehnten belächelt worden, sagt Nierhaus.

Der Ritterschlag kam 2001. Die Ringstraße und die Innenstadt wurden von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Nicht erst seitdem wacht die "Initiative Stadtbildschutz" über etwaige Veränderungen. Ein geplantes 270-Millionen-Projekt in Form eines Hochhauses mit 100 Wohnungen ist ihr ein Dorn im Auge.

"Es wird der mühsam erkämpfte Status des Weltkulturerbes aufs Spiel gesetzt", kritisiert Vereinschef Herbert Rasinger. Der Investor will gelassen das laufende Prüfverfahren abwarten. "Wir gehen davon aus, dass das Projekt kompatibel ist mit dem Weltkulturerbe", sagt Geschäftsführerin Daniela Enzi. Baubeginn könnte 2018 sein. Die Stadt selber betont, dass "qualitätvolle Änderungen" möglich sein müssen. "Die kulturelle Integrität kann man nicht auf die Zentimeter von Häusern begrenzen", sagt Planungsdirektor Thomas Madreiter.