Magdeburg l Elisabeth Heinemann ist immer traurig gestimmt, wenn einer ihrer Porträtierten stirbt. Zuletzt Literaturnobelpreisträger Günter Grass, Journalist Ralph Giordano oder die alte Dame aus dem Pflegeheim. Sie erinnert sich dann immer an ihre Fototreffen, an die damit verbundenen Gespräche, die Begegnungen, mal intensiver, mal weniger intensiv, aber meistens anregend.

Grass, Giordano, die alte Dame leben nicht mehr - und doch sind sie bei Elisabeth Heinemann alle noch da. Nachdenklich, traurig, lächelnd, strahlend. Sie lebt ihre Kunst für diese Fotografien, für Menschen und deren Geschichten.

Elisabeth Heinemann, 1958 in Zittau geboren, aufgewachsen in Meißen und Magdeurg, ist seit 1996 freiberuflich als Fotografin tätig. Bis heute meist analog. Anfangs waren ihre Arbeiten farbig, Landschaften vorherrschend. Den Landschaften ist sie treu geblieben, der Farbe nicht. Seit langem setzt sie auf Schwarz-Weiß. "Das wirkt tiefer, intensiver", sagt sie.

Mehr als 100 Künstler vor der Kamera
Wann war die Porträtidee geboren? Lang sei es her, sagt Heinemann, und meint, dass mit dem Bildhauer Wieland Förster vor Jahren ihr Projekt "außer gewöhnlich" mit Künstlerporträts begann. Später lichtete sie Schriftsteller Christoph Hein ab und Maler Willi Sitte, Akademiepräsident Klaus Staeck und Literat Günter Kunert, Bergsteiger Reinhold Messner und Schauspielerin Hanna Schygulla, Sänger Rolando Villazon und Theologe Friedrich Schorlemmer.

Zuletzt kam Jörg Schüttauf hinzu, als der im Februar in Magdeburg auf der Bühne stand. Mehr als 100 Künstler hatte sie bereits vor der Kamera.

Heinemann, verheiratet, zwei Kinder, ist klein, zierlich, ruhig. Und sie ist hartnäckig, schreibt Briefe, fragt an. Meist, so erzählt sie, kommen positive Rückmeldungen. Ralph Giordano hatte sie einfach angerufen. Er stand im Telefonbuch. Er sagte zu. Sie fuhr nach Köln. "Ich erinnere mich gern an unser Gespräch." Sie zeigt das Bild. Sie reiste für die Fotos durch die Republik: Bernhard Heisig in seinem Atelierhaus in Strodehne, Egon Bahr im Büro im Willy-Brandt-Haus, Christoph Hein in seiner Berliner Wohnung. "Es waren bewegende Fototermine", sagt sie.

"Alte Menschen haben so viel zu sagen"
Sie will nichts Eitles, sie manipuliert ihre Fotos nicht. Bei Heinemann bleiben Falten Falten. Damit konnten sich Prominente anfreunden? "Nicht immer", sagt sie, verrät aber nichts über divenhafte Eitelkeiten. Wenn man den Fotostapel in ihrem Atelier durchblättert, fällt eine gewisse Männerlastigkeit auf. "Sie haben wohl weniger Probleme mit meiner Art der Fotografie."

Sie pflegt ihr Künstlerprojekt im Moment mit etwas weniger Enthusiasmus. Seit vielen Monaten stehen alte Menschen im Mittelpunkt ihrer Arbeit - nicht selten eine Gemeinsamkeit mit ihren Künstlern. Doch für ihr Alte-Menschen-Projekt sitzt sie nicht in Ateliers und vor großen Bücherwänden in Wohn- und Arbeitszimmern, sondern in Pflegeheimen und Alteneinrichtungen. "Alte Menschen haben so viel zu sagen. Sie dürfen nicht hintenangestellt werden. Sie dürfen nicht vergessen werden. Das ist mein großer Wunsch."

Hinter jeder ihrer Fotografien steckt eine Lebensgeschichte. Liebe, Leid, Kämpfe, Träume. Frauen und Männer. "Ich will Augenblicke ihres Lebens bannen, ihnen Dauer verleihen", sagt die Künstlerin. Sie will festhalten, bewahren. "Jede Falte erzählt eine Geschichte." Heinemann will sie erfahren, sucht nach emotionaler Nähe. Sie redet viel mit ihren Porträtierten, wie mit einer ehemaligen Primaballerina, einer von Krankheit gezeichneten Bildhauerin, einer Frau, die im kalten Kriegswinter aus Ostpreußen fliehen musste. Sie alle hat sie fotografiert. Schnappschüsse gibt es bei ihr nicht. Zu jedem Gesicht kennt Heinemann die Geschichte. Sie macht sich kurze Stichpunkte. Alles andere merkt sie sich. "Aufschreiben wäre besser", meint sie. Sie wird das Notieren angehen. Damit nicht nur das Foto dauerhaft bleibt.

Mit transportabler Leinwand im Pflegeheim
In die Pflegeheime reist sie oft mit einer transportablen Leinwand. Heinemann liebt neutrale Hintergründe. Und in Polen, als sie auf der Straße einen alten Mann fotografierte? "Es findet sich dann fernab des Straßengetümmels ein geeigneter Ort zum Fotografieren." Heinemann spricht die Menschen einfach an. Nicht immer, aber oft begegnen die Menschen der Frau mit der Kamera mit Wohlwollen, sagt sie. Es ist sicher ihre Art, die Türen öffnet. Zurückhaltend, zwar fragend, aber nie aufdringlich.

Elisabeth Heinemann hat in Kalendern, Bildbänden, Anthologien veröffentlicht. Und sie stellt immer wieder aus. Ab Ende September wird sie in der Magdeburger Himmelreich-Galerie Porträts alter Menschen zeigen, kurz vorher hat sie im Atelierhaus der Schmuckgestalterin Gabriele Putz eine gemeinsame Ausstellung mit Gabriele Putz (Schmuck) und dem Maler Michael Emig (Porträts).

Und ihr Künstlerprojekt? "Das wird mich wohl mein Leben lang begleiten." Gibt es einen Wunschkandidaten? Heinemann überlegt. Ihre große Wunschkandidatin war schon 2011 verstorben. Christa Wolf, die Grande Dame der DDR-Literatur, hat sie nie vor die Kamera bekommen.