Magdeburg l Initiatoren von Kunstgeschehen ersinnen immer wieder neue Formen, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Zu dem Trend, Konzerte in Wohnzimmern zu offerieren, gesellt sich nun ein Ereignis, wo sich die Besucher im Theater gleichsam als Gäste mitten im geräumigen Wohnzimmer der Familie Prosorow wiederfinden.

Bei Tschechows "Drei Schwestern" sitzen die Zuschauer im Studio des Magdeburger Schauspielhauses an allen Seiten eines Rechtecks auf den abgewrackten, zusammengewürfelten Möbeln desselben Stils, auf denen die Akteure ihre gescheiterten Lebensentwürfe verhandeln. Diese stubenhafte Dichte der Darbietung macht das Publikum quasi zu Voyeuren und Teil des bizarren Panoptikums, das sich ihm bietet.

Die Personen des Stücks agieren in einer Kleidung, die weder einen sozialen noch einen historischen Status bedient, sondern die Verfasstheit ihrer Träger nach außen stülpt: Kinderkleidung des 19. Jahrhunderts, statt eines Waffenrocks nur Uniformteile, Perücken für alle: Es ist eine Zombiewelt. Raumkonzept und Kostümgestaltung der Christiane Hercher geben damit der Aufführung den Gestus vor. Da ist schon optisch sofort klar: Alle Messen sind gesungen.

Imaginäres Gemisch von Raum und Momenten

Diesem Ansatz entsprechen konsequent die weiteren Stilmittel des Abends. Tschechow gilt als ein Meister des Realismus und subtiler Menschendarstellung. Auf Realismus aber lässt sich Regisseurin Gramss gar nicht erst ein. Dialoge und Monologe werden aus dem einstigen Fluss des Textes ausgesondert und, um einen modernen Bezug zu bemühen, in eine Art Mitteilungs-Apps umgeformt.

Alle Zeitsprünge des Stückes werden in einem imaginären Gemisch von Raum und von Momenten, die über Jahre verfließen, geleistet. So künstlerisch gekonnt sich dies auch vollzieht, es lösen sich dennoch nach und nach die Aussagen der Figuren von deren ursprünglicher persönlicher Verwurzelung.

Die vielfältigen frappanten Mittel greifen nicht genügend, sinnhafte Sätze davor zu retten, in philosophische Banalitäten abzugleiten. Und es gelingt nicht überzeugend, dafür Vorgänge zu entwerfen, die eine andere und neue Sicht anbieten. Und die Bilder, die mobilisiert werden, menschliche Befindlichkeiten zu verdeutlichen, reichen nicht hin, um zum Exempel die Langeweile, die die Personen des Stückes nahezu umbringt, in faszinierende Unterhaltung umzuwandeln.

Regisseurin bricht mit Aufführungstraditionen

Auch auf eine Auslotung von Charakteren und die subtile Ausdeutung der Beziehung der Figuren verzichtet die Regisseurin Franziska Marie Gramss. Iris Albrecht (Natalja Iwanowa), Heide Kalisch (Mascha), Marie Ulbricht (Olga), Sonka Vogt (Irina), Oliver Chomik (Batteriekommandant), Konstantin Marsch (Stabshauptmann), Ralph Opferkuch (Maschas Mann), Alexander von Säbel (Bruder der drei Schwestern), Raimund Widra (Oberleutnant Tusenbach) zeigen mit hoher Konzentration und Genauigkeit einen Abend, in dem ein spielerischer Manierismus dominiert, dem grandiose äußerliche Ausbrüche Dynamik verleihen.

Regisseurin Gramss bricht ganz deutlich mit Aufführungstraditionen. Verfehlt sie damit den Sinn des Stückes oder öffnet sie die Tür für nachrückende Generationen?

Fakt ist, die mehr als hundert Jahre alten Texte eines Anton Tschechow entfernen sich im Eiltempo von jeglichem Zeitgenössischen. Denn Langeweile und Sinnverluste zum Beispiel töten wir inzwischen ab mit Fernsehen, Smartphone oder Facebook und veredeln alles in Kurzweil und falschen Sinn. Es braucht neben der Courage große Einfälle, solche Dramatik ins Heute zu holen.