Einer der namhaftesten Klangkörper der Welt

Die Berliner Philharmoniker zählen zu den ältesten selbstständigen freien Orchestern und gelten als einer der namhaftesten Klangkörper der Welt. 1882 hatten sich aus der Unterhaltungskapelle Benjamin Bilses 54 Musiker abgespalten und ein eigenes Orchester gebildet, das sich wenig später den Namen "Berliner Philharmonisches Orchester" gab.

1934 übernahm das Deutsche Reich alle Gesellschaftsanteile der GmbH, die Musiker wurden zu Angestellten der Gesellschaft. Nach 1945 übernahm der Magistrat von Groß-Berlin die Pflichten des Reiches. Das Orchester wird vom Land Berlin über eine Stiftung gefördert.

Auch heute noch hat das Orchester mit seinen 128 Planstellen ein weitgehendes Recht auf Selbstverwaltung. Unter anderem ist der Intendant im Benehmen mit dem Orchester zu berufen. Nach dem Konflikt mit Chefdirigent Herbert von Karajan in den 80er Jahren wurde die Direktwahl des Chefdirigenten durch die Musiker festgeschrieben. Besonderes Gewicht hat die Generalversammlung, die in geheimer Abstimmung über die Aufnahme neuer Orchestermitglieder entscheidet. (dpa)

Berlin (dpa) l Am Montag müssen die Berliner Philharmoniker für einige Stunden auf ihre Handys verzichten. Wenn sich die Musiker um 10 Uhr an einem bisher geheimen Ort einfinden, werden sie ihre Kontakte zur Außenwelt kappen. 124 Orchestermitglieder entscheiden dann, wer künftig ihr Boss sein soll - als Nachfolger von Sir Simon Rattle, der 2018 geht. Mit der Wahl des neuen Chefdirigenten vergeben die Philharmoniker einen der begehrtesten Jobs der Musikwelt.

In einer ersten Runde können die Musiker jeden Dirigenten vorschlagen. Nach einer Diskussion soll eine "Shortlist" entstehen, über die abgestimmt wird. Notwendig ist eine "deutliche Mehrheit", wie Philharmoniker-Sprecherin Elisabeth Hilsdorf sagt. Der Auserwählte soll dann angerufen und gefragt werden, ob er den Posten übernimmt.

Vom Ensemble zum Multimedia-Unternehmen

Jung oder etwas älter, dynamisch oder bedächtig, ein Hansdampf oder ein ehrwürdiger Maestro - am Montag treffen die Philharmoniker auch eine Richtungsentscheidung, wie sich das Orchester in den kommenden Jahren weiterentwickeln soll.

Mit Rattle und Intendant Martin Hoffmann, einem früheren Sat.1-Manager, hat sich das Ensemble zu einem Multimedia-Unternehmen gewandelt. Filme, Kino, Streaming - die "Berlin Phil" sind auf allen Kanälen präsent, ganz in der Tradition Herbert von Karajans, der früh mit Video und CD experimentierte.

Ob Gustavo Dudamel, der Lockenkopf aus Venezuela, Christian Thielemann, einstiger Karajan-Assistent und heute Orchesterchef bei der Staatskapelle Dresden, Andris Nelsons, das lettische Energiebündel - kaum ein bekannter Kapellmeister blieb bei den Spekulationen ungenannt. Auch ältere Kollegen wie Mariss Jansons und Daniel Barenboim sind im Gespräch. Jeder lebende Dirigent weltweit sei wählbar, hatte Orchestervorstand Peter Riegelbauer gesagt.

Grundlegender Wandel im Bild des Chefdirigenten

Seit Gründung der Philharmoniker 1882 hat sich das Bild ihrer Chefdirigenten grundlegend gewandelt. Ob Hans von Bülow, Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan - sie traten mehr oder weniger als absolutistische Herrscher auf. Mit der Wahl von Claudio Abbado begann die Öffnung. Und Rattle führte die Philharmoniker als demokratisch gesinnter Menschenversteher ins 21. Jahrhundert.

Der Brite (60) setzte Maßstäbe, hinter die das Orchester wohl nicht mehr zurück kann. Er erweiterte das Repertoire, förderte eine Öffnung zu neuen Zuhörergruppen, stellte sich als medial wirksamer Vermittler der Öffentlichkeit.

Dabei war seine Wahl 2001 eine große Überraschung. Wie damals könnte es auch diesmal einen Coup geben. Es gibt im Orchester zwar eine starke Fraktion, die sich Christian Thielemann (56) wünscht. Doch der gebürtige Berliner hat auch viele Gegner. Er verzückt mit Spätromantik sein Publikum. Kritiker dagegen empfinden ihn aber musikalisch und auch politisch als zu konservativ.

Im Kreis jener, die immer wieder genannt werden, ist auch Andris Nelsons. Mit 36 Jahren macht der Lette gerade beim Boston Symphony Orchestra Furore. Unlängst dirigierte er Mahlers Fünfte bei den Philharmonikern, das Haus brodelte, die Zuhörer tobten vor Begeisterung. Kein Wunder, dass danach in einer Publikumsumfrage eine Mehrheit sich für Nelsons als Rattle-Nachfolger aussprach.