Magdeburg l Ein Verriss? - Nein. Eine Lobeshymne? - Nein. Aber was kann jetzt hier über einen mittleren Theaterabend folgen? Zuerst: Dreieinviertelstunden Länge sind für ein leichtes Stücklein wie Albert Lortzings "Wildschütz" eine Überbewertung. Der Rotstift hätte hier und da gewiss gute Dienste geleistet, zumal die Magdeburger Produktion erst im zweiten Teil überhaupt Fahrt aufnimmt.

Zum Zweiten ist in einer deutschen Spieloper nichts so wichtig, wie das perfekte Zusammenspiel zwischen Wort und Ton. Daraus bezieht sie ihren Witz. Das gilt für den Bühnen-Arbeiter Lortzing nicht weniger als für den Bühnen-Gott Mozart. Übertitel hätten, besonders in Hinsicht auf die immer schwer verständlichen hohen Frauenstimmen, viel gebracht.

Aber mit dem Witz war es in dieser Produktion sowieso so eine Sache. Ein Teil dessen, was August von Kotzebue, der das Gerüst der Handlung mit seinem Stück "Der Rehbock" lieferte, hier parodistisch aufspießt, versteht man heute kaum noch. Wer kann schon übertriebene Griechenmode oder die pädagogischen Ambitionen Herrn von Basedows belächeln.

Ein Augenschmaus und eine Ohrenweide

Das allerdings, was im "Wildschütz" noch immer satirische, ironische und sonst welche Seitenhiebe verdient, fasste der Regisseur Aron Stiehl mit sanftesten Samthandschuhen an: Die sexuelle Besitzgier des Grafen, der ein Dorfmädchen nach dem anderen schwängert, die doppelselbstmörderische Zweckehe zwischen dem Dorfschullehrer Baculus und seinem Ziehkind, schließlich Baculus´ hemmungslos geldgieriger Höhenflug angesichts der Bassbuffo-weltberühmten "Fünftausend Taler". Zu diesen Einladungen an jeden Regisseur fiel Aron Stiehl rein nichts ein außer Niedlichkeit und Putzigkeit in der Personenführung.

Über weite Strecken war Rampensingen in choreografisch-gymnastischer Formation angesagt. Der Chor und der lustige Kinderchor, die durchaus keine leichten Aufgaben zu bewältigen hatten, durften streckenweise aktiver sein als die Solisten. Überhaupt, ein Augenschmaus - Dietlind Konold entwarf großartige Kostüme - und eine Ohrenweide, diese Chöre.

Worum geht es eigentlich? Alter Lehrer Baculus, ungebildeter Pauker, will junges Gretchen heiraten. Imposanter Hochzeitsbraten soll im gräflichen Gehege geschossen werden, was misslingt. Baculus wird entlassen. Um für ihn zu bitten, wird, unter Ausnutzung der gräflichen Schwäche fürs Erotische, eine soeben angereiste ländliche Schöne, als Gretchen verkleidet, auf das Schloss geschickt. Diese entpuppt sich als die unbekannte Schwester des Grafen und heiratet am Ende den ebenfalls unbekannten Bruder der Gräfin.

Dieser Baron Kronthal kauft das vermeintliche Gretchen für die bewussten 5000 Taler von Baculus frei. Dass zwischenzeitlich sowohl Graf als auch Gräfin ihren inkognito auftretenden Geschwistern absolut unfamiliäre Avancen gemacht haben, wird am Ende sehr freundlich als "Stimme der Natur" gedeutet.

Was die Stimme der Kunst betrifft, so mühten sich Sänger und Orchester redlich, der inszenatorischen Dürftigkeit mit ihren Mitteln zu begegnen. Undine Dreißig gab als Gräfin eine herrlich theatralisch-antikische Iocaste, der der lebenspraktische Witz jedoch durchaus nicht abhanden gekommen war - eine große Aufwertung dieser Nicht-Rolle.

Baculus-Darsteller ist eine Klasse für sich

Ihr gräflicher Gatte war Roland Fenes, der stimmlich wie darstellerisch und überhaupt eine gute Figur machte. Baron Kronthal, Ralf Simon, hat als weltschmerzgeplagter Bruder der Gräfin wunderbar lyrische Tenor-Arien zu singen, Sentimentalität mit Lortzingschem Augenzwinkern. Er macht das großartig, man kann schier mitschwelgen.

Julie Martin du Theil, die per Maske und Kostüm irgendwie in eine singende Katharina Witt verwandelt war, hat ebenfalls bezaubernd lyrische Töne parat. Allerdings hätte sie als lebenserfahrene Baronin - einen Gatten hat die lustige Witwe nämlich bereits hinter sich - durchaus ein wenig überlegener und abgeklärter wirken können. Als verkleidete schlichte Landschönheit war sie fast zu glaubhaft. Milena Arsovska hatte da ganz andere Borstenhaare auf den Zähnen. An ihrem kratzigen Gretchen, deren schönste Trillergesänge noch Warnpfiffe waren, wird sich Baculus zukünftig herbe Striemen reißen.

Baculus, Johannes Stermann, war eine Klasse für sich. Er spielte einen mufflig schmuddeligen Hagestolz auf Brautschau, bei dem man sich fragte, was er überhaupt mit einer jungen Braut anzufangen weiß. Stimmlich entpuppte er sich jedoch als überlegener Protagonist. Man muss, so war zu hören, kein Buffo sein, um diesem Baculus eine überzeugende gesangliche Gestalt zu geben. Stermann gestaltete allein mit seinem Gesang einen rechthaberischen Dummkopf, eine untergründig unheimliche Charaktermischung, die man lieber nicht im Hause hat. Armes Gretchen.

Zwischen Michael Balke am Pult der Magdeburgischen Philharmonie, seinen Musikern und der Bühne klafften gelegentliche winzige Verständigungslücken. Wieder einmal erwies sich, wie schwer die leichte Oper ist. Der klangliche Zugriff hatte jedoch den nötigen Esprit, die Gewitterszene sogar fast freischützmäßige Wucht; man kann auf die nächsten Vorstellungen vertrauen.

Und wer tatsächlich etwas hintergründigen Witz sucht, dem sei das Bühnenbild von Simon Holdsworth zur genauen Betrachtung empfohlen.

Weitere Vorstellungen am 16. und 29. Mai.

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