Magdeburg l Das Leben scheint wie ein Schmetterling - es wechselt die Form, doch alles bleibt erhalten. Und wenn man an das Gute glaubt, so erfüllt sich das auch. Und manchmal erlebt man sogar kleine Wunder. Wie einen Schmetterling an einem kalten Oktobertag. Horst Lichter hat ihn gesehen, bei der Trauerfeier für seine Mutter. Kurze Zeit später bei den Vorbereitungen für sein Programm "Herzenssache" war er plötzlich wieder da. Wie zum Beweis lief auf der Bühnenleinwand ein Film mit genau diesem Schmetterling auf seiner Hand. Ein Gruß seiner Mutter? Spekulation; aber: "Sie ist immer bei mir". Das ist ihm Herzenssache, wie auch er für sie immer eine Herzenssache war.

Eine der bewegenden Geschichten Lichters an diesem Abend in der Stadthalle. Viele weitere folgten. Das Publikum lernte den Koch und Entertainer auf eine sehr private, sehr nahegehende Weise kennen. Er wirkt immer gut gelaunt, hat kesse Sprüche auf den Lippen - doch sein Leben war nicht immer heiter Sonnenschein. Er nimmt es jedoch von der Sonnenseite, vielleicht gerade deshalb.

Ein unbequemes Kind sei er gewesen, erzählte er, habe nach der 9. Klasse die Schullaufbahn beendet ("10. Klasse war damals nur für Streber"), die Ausbildung zum Koch gemacht, was den Vater fast verzweifeln ließ. "Tu mir das nicht an", soll der Bergmann dem Sohn gesagt haben. Doch Horst ließ sich nicht beirren. Später verlor er die Lust an diesem Beruf, "weil es nur noch um Umsatz ging".

Mit 19 glaubte er, seine große Liebe gefunden zu haben, heiratete sie und ging fortan wie sein Vater in die "Kohle", um Geld für die Familie zu verdienen. Glücklich ist er bis dahin gewesen, bis er das erste Mal "wach" wurde. Ein schreckliches Erwachen, als das erste Kind verstarb. Mit seiner Frau kämpfte er sich zurück ins Leben.

Weiteres "Wachwerden" folgte: erster Schlaganfall mit 26, ein zweiter mit 28 Jahren, dazu kam ein Herzinfarkt. Lichter konnte sich halbseitig nicht mehr bewegen, doch seinen Humor hatte er nicht verloren, machte in der Klinik Späße, mit denen er nicht nur Patienten aus seinem Zimmer unterhielt.

Bei der Reha entschied er, den Traum zu verwirklichen

Bei der Reha entschied er, einen Traum zu verwirklichen: den vom eigenen Laden. Ohne Geld, ohne Rücklagen, ohne großes Konzept konnte er für seine Idee den Chef einer großen Bank gewinnen, mit dem er noch heute befreundet ist und der ihm hin und wieder kopfschüttelnd erklärt: "Datt wär heut nisch mehr möglisch".

Horst Lichter macht vieles möglich. Er erzählt die Geschichten seines Lebens mit so viel Humor, dass die Traurigkeit hinwegweht wie einst der Testrauch der Beamtenprüfer vor Eröffnung seines Restaurants ("Oldiethek") durch den riesigen Ventilator, seinem symbolischen Protest gegen Beamtenhürden. Das Publikum erfuhr, wie sein "Spinnerclub" entstand, er das "Rezept" für Beton fand, und wie er mit 50 Mark eine ganze Einrichtung zauberte, aus der später teure Antiquitäten wurden.

Zwischendurch briet er auf der Stadthallen-Bühne Speck und Zwiebeln an, verteilte Pfannkuchen, schnitt Knoblauch auf, dass die Halle stank, und begeisterte mit Kochtipps wie für ein garantiert gelingendes Medium-Filet. Er holte Menschen aus dem Publikum als Testesser auf die Bühne, und einen Nicht-Koch aus dem Mansfelder Land stellte er an den Herd, bis die Technik versagte.

"Herzenssache" zeigt ein bewegtes und bewegendes Leben, das auch dem Publikum zu Herzen geht. Warum er dennoch stets gut gelaunt ist? Sein Vater wurde 56, in drei Jahren hat Horst Lichter dieses Alter erreicht. "Ich habe keine Zeit für Arschlöcher und schlechte Laune!" Dieses Motto gibt er gern an seine Zuhörer weiter.

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