Wernigerode l Diese Oper soll veraltet, sentimental und hausbacken sein? Das ist ein böses Vorurteil gegen den aus der Gegend von Schwerin stammenden Komponisten Friedrich von Flotow (1812-1883) und seinen Theaterdichter Wilhelm Friedrich Riese.

Flotow lebte und arbeitete im Paris und Wien der Belle Epoque und der Ringstraßenzeit. Lichterglänzende Metropolen und ein geradezu wahnsinniger Pomp, übersteigert bis zum Äußersten. Ein wenig war auch das Schloss Wernigerode von dieser äußeren Prachtentfaltung infiziert.

Es ist geradezu die Suche nach dem einfachen, bescheidenen Leben und nach Ehrlichkeit der Gefühle, die die Protagonisten in "Martha oder Der Markt zu Richmond" umtreibt. Einem geschichtlich belegten Mägdemarkt. Man probiert in der Handlung aus, ob Standesschranken fallen können. Ob es zwischen oben und unten eine Verständigung gibt; ob da aus einer Zuneigung Liebe erwachsen kann. Ob das Ehrenfräulein der Königin und der Landpächter zusammenpassen. Im Gefühl wie mit dem Intellekt. Siehe an: Es geht! Aus einer gesellschaftlichen Utopie kommt Hoffnung.

Oper aus zeitlicher Umklammerung gelöst

Um die Oper aus der zeitlichen Umklammerung (Regierungszeit der Königin Anna um 1702-1714) zu lösen, hatte Regisseurin Karin Seinsche den ebenso einfachen wie genialischen Plan, einen charmanten Spielmacher in die Handlung einzuführen. Einen kleinen Amor mit Teufelshörnchen, der je nach Gusto wortlos seinen in Liebesdingen mutlosen Landleuten Lyonel und Plumkett in den Hintern tritt oder Lady Harriet mit Rosen erfreut.

Das ersparte die Kosten für ein erklärendes aufwändiges Bühnenbild; die Fantasie reicht bei den sozial genau beschriebenen Tätigkeiten vollkommen aus. In der ersten Schloss-Szene genügt ein Bild aus zehn Matratzen, um von Harriet, dem gelangweilten Ehrenfräulein der Königin, und ihrer Vertrauten Nancy zu signalisieren: Beide Damen sind verwöhnt wie die Prinzessin auf der Erbse.

Im zweiten Bild fällt der Turm einfach zusammen und wird zur Mägdekammer auf Plumketts Landgut (Bühne und Kostüme: Sandra Materia / Elvira Freind). Nach der Pause wird es dann leider unübersichtlicher, gerümpliger und im Wesentlichen schummeriger. Schade. Man sieht nichts, wenn Lyonel auf der niedrigen Bühne liegt.

Der pfiffige Amor übrigens ist der Sohn der Flötistin Barbara und des Fagottisten Thomas Toppel. Er ist der schnellste Junge Europas in seiner Altersklasse und flitzt ganz wahnsinnig schnell herum!

Szenischer Einfallsreichtum

Fantasie und szenischer Einfallsreichtum bestimmen die Oper. Und dazu überbordende musikalische Spiellaune von MD Christian Fitzner, seinem Orchester, den Solisten und Chor. 18 Nummern prägen die "Martha"; studiert von Shuichiro Sueoka. Das geht mit der vom Orchester gepfiffenen Hymne "Heil dir in Siegerkranz" los, das setzt sich in der Ouvertüre fort, in den zauberhaft französisch beschwingten Ensembles und Arien, in den plappernden Magd-Chören, mit dem Porterlied Plumketts. Bis zur "Letzten Rose", die Flotow der irischen Folklore und einem Gedicht von Thomas Moore entlehnte. Wie ein Leitmotiv wird es verwendet, mit der Harfe als Begleitung.

Die Lady Harriet braucht einen träumerischen Koloratursopran, der Lyonel einen weichen lyrischen Tenor. Die elegante Christina Maria Heuel und Sebastiano Lo Medico sind dafür ein Traumpaar! Lo Medico wirkt in diesem Jahr sogar noch gereifter, mit noch weniger Metall in der Stimme. Eine ähnlich schöne Entwicklung, besonders in der Textverständlichkeit, hat der Bass von Kyongmo Seong (Plumkett) genommen. Mit Anna-Maria Torkel (Nancy) ein vollends überzeugendes Buffopaar. Fröhliche junge Menschen.

Jacoub Eisa (Tristan), Michael Schultz (Richter) und viele kleinere solistische Rollen sind für den Chor - aus der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und der Singakademie Wernigerode - ein dankbares Feld für die Gestaltung. Der Chor ist mit größter Spiellust in zig Kostümen unterwegs.

Die "Martha"-Premiere zu den 20. Schlossfestspielen war großartig. Ob das zur nachhaltigen Renaissance der romantisch-komischen Oper Flotows beiträgt? Kaum ein Theater spielt sie noch. Aber es wäre mehr als verdient.

Weitere Vorstellungen am 14., 15., 21. und 22. August, jeweils 19.30 Uhr, 12. August um 15 Uhr.