Von Ulrike Löhr

Magdeburg. Mit einer außergewöhnlichen Interpretation wartete das Sinfoniekonzert der Magdeburgischen Philharmonie am Freitag auf. Auf dem Programm stand Arnold Schönbergs Konzert für Streichquartett und Orchester nach dem Concerto grosso op. 6 Nr. 7 von Georg Friedrich Händel und – selbstverständlich auch das Händel-Original in B-Dur.

Gastdirigent Johannes Stert wählte eine Aufführung, bei der er beide Werke so miteinander verwob, dass Schönbergs Bearbeitung sogar satzweise Händels Original unmittelbar gegenüber stand. Ein zweierlei Novum – denn nicht, dass es nur sehr wenige Kompositionen für Streichquartette und Orchester gibt, sondern eben auch in dieser direkten Interpretationsweise zweier vergleichbarer Werke aus dem 18. und 20. Jahrhundert.

Das Philharmonische Streichquartett mit Yoichi Yamashita und Marco Reiß (Violine), Ingo Fritz (Viola) und Marcel Körner (Violoncello) stellte sich mit den Kollegen der Philharmonie dieser musikalischen Herausforderung.

Und so erklangen die einzelnen Sätze von Händel und Schönberg jeweils im Wechsel, also erst Händels Largo, dann Schönbergs Largo. Ein Effekt, bei dem das Konzertpublikum unmittelbar Motivik, Stilistik und Instrumentation vergleichen und auf anregende Weise nachvollziehen konnte – Barock und Moderne hautnah.

Und das funktionierte gut. Denn Schönberg bearbeitete Händels Werk 1934 in einer Phase des Umbruchs, in der er sich erstmals wieder nach jahrelangem Komponieren in atonalem bzw. Zwölfton-Idiom einer tonalen Klangsprache zuwandte.

Und so erlebte der Zuhörer die "Metamorphose" des Händelschen Concertos (dieses nur mit Streichern und Cembalo) durch das instrumentierte Streichquartett mit voller Orchesterbegleitung bei Schönberg imposant mit.

Die "irren" Rhythmen, die sich Händel einfallen ließ, bekamen bei Schönberg einen interessanten Kontext. Den einzelnen Instrumenten wurden neue technische Aufgaben zuteil, bisher unausgenutzte Möglichkeiten, Grifftechniken und Spielweisen wollte Schönberg angewendet wissen. Deren Bewältigung meisterten die vier Solisten bewundernswert. Auch die Orchesterkollegen dachten sofort um von barocker Spielweise (nonvibrato und viel Bogenton) zur orchestralen Begleitung und modernen Beweglichkeit.

Wunderschön das Largo: bei Händel ein sattes lyrisches Streicherunisono, Schönberg instrumentierte klangfülliger mit Bläsern und zarten Verzierungen für die Quartettsolisten.

Dirigent Johannes Stert gab den Rhythmik-Verschiebungen und harmonischen Reibungen eine herrliche Dramaturgie. Schließlich treibt Schönberg im letzten Satz, dem englischen "Hornpipe" in moderatem fast majestätischem Tempo und akrobatischen Spieltechniken diesen Anspruch auf ein beeindruckendes Niveau. Johannes Stert empfand die Unterschiedlichkeit der Stile hervorragend und zauberte mit den Musikern ein Konzerterlebnis der besonderen Art.

Eine ähnliche Art an Vielschichtigkeit musizierte die Philharmonie zudem noch im zweiten Konzertteil, in der Sinfonie Nr. 6 op. 104 d-Moll von Jean Sibelius heraus. Diese Sinfonie passte sehr gut, da sie doch ebenso motivisch, aber mit großem innerem Zusammenhalt erschien. Das rondoartige Finale gestaltete Johannes Stert mit der Philharmonie zu einem gefühl- und friedvollen Abschluss dieses faszinierenden Konzertabends.