Frank Lüdecke ist ein Kabarettist, der aus dem deutschen Fernsehen kaum noch wegzudenken ist. Mogen gastiert der diesjährige Träger des Deutschen Kleinkunstpreises in der "Magdeburger Zwickmühle". Im Vorfeld dieses Auftritts unterhielt sich Volksstimme-Redakteur F.-René Braune mit ihm.

Volksstimme: Ihr neues Programm trägt den Titel "Die Kunst des Nehmens". Ist das Nehmen ihrer Ansicht nach die vorherrschende Mentalität in Deutschland?

Frank Lüdecke: Es ist zumindest ein Teilaspekt unserer Mentalität. Ich untersuche das Thema auf verschiedenen Ebenen. Mein Grundgedanke war eigentlich – ausgehend von der Finanzkrise – was da so genommen wurde, aber ich spanne den Bogen weiter in die unteren Regionen. Das geht bis zu der Frage, ob Geld in unserer Gesellschaft umverteilt werden sollte. Die Berechtigung zu nehmen, sollte man auch den unteren Bereichen nicht vorenthalten.

Volksstimme: Ist die Gier eine Eigenschaft, die sich durch das ganze Volk zieht? Geht es nur noch um Bereicherung?

Lüdecke: Ich würde es so formulieren: Es fällt natürlich leichter, zu kritisieren, was man ganz offensichtlich sieht. Wenn man ehrlich ist, muss man aber fairerweise eingestehen, dass die Vorteilsnahme immer da passiert, wo man die Möglichkeit dazu hat. Und das fällt nun mal bei dem einen schlimmer aus als bei anderen. Der Mechanismus, sich etwas anzueigenen, das einem nicht zusteht, funktioniert in vielen Gesellschaftsschichten.

"Der Mensch ist nicht mehr verantwortlich zu machen"

Volksstimme: Anders ausgedrückt – je mehr Möglichkeiten man hat, auf das Geld anderer zuzugreifen, desto gieriger wird man?

Lüdecke: Das denke ich schon. Ich versuche, das übrigens auch in meinem Programm mit neuen Theorien der Hirnforschung zu erklären. Da gibt es sehr lustige Geschichten, in denen behauptet wird, dass ein genetischer Defekt für die Gier bei Führungskräften verantwortlich ist.

Der Mensch ist gewissermaßen nicht mehr verantwortlich zu machen, weil er nicht mehr Herr im eigenen Hause ist – es wird ja sozusagen in uns gedacht, weil es vorwiegend chemische Substanzen sind, die unser Verhalten auslösen. Darauf wird es wohl hinauslaufen.

Volksstimme: Was ist denn aus ihrer Sicht in der deutschen Politik und unserer Gesellschaft derzeit am heftigsten zu kritisieren?

Lüdecke: Was mich wirklich stört ist, dass es wenig Bereitschaft gibt, Visionen anzugehen, zu entwickeln und auch durchzusetzen. Was natürlich damit zu tun hat, dass durch unser Wahlverfahren sehr kurzfristig gedacht wird. Das ist wahrscheinlich das Hauptproblem – dass man vor allem auf die Wahlergebnisse guckt und nicht auf das Ergebnis der eigenen Handlungen.

Für bedenklich halte ich auch den Ausschluss von Öffentlichkeit bei politischen Entscheidungen. Hinzu kommen natürlich viele andere Kritikpunkte, ich denke da an Stichworte wie Bildung und Integration.

Volksstimme: Aus Kabarettkreisen ist immer wieder zu hören, dass man ohne Fernsehpräsenz heute kaum noch ein Bein auf die Bühne bekommt. Hat der "Scheibenwischer" ihre Karriere maßgeblich beeinflusst?

Lüdecke: Also, ein Bein bekommt man schon noch auf die Bühne. Wer aber im Fernsehen zu sehen ist, hat – wenn man das mal als Markt betrachtet – einen großen Wettbewerbsvorteil, das stimmt zweifellos. Wenn man durchs Fernsehen bekannt ist, kommen auch mehr Zuschauer in die Theater und Kabaretts. Natürlich habe ich davon profitiert, obwohl man auch sagen muss, dass ein Live-Erlebnis nie so vom Fernsehen reproduziert werden kann. Das hat auch etwas Beruhigendes.

Ohne Fernsehen ist es natürlich viel schwieriger, sich einen großen Publikumskreis zu erschließen. Ich kenne beide Wege, denn ich bin seit 20 Jahren auf Tournee und habe auch schon vor neun Zuschauern gespielt. Jetzt habe ich deutlich mehr Zuschauer und freue mich natürlich sehr darüber.

"Für mich ist es mehr ein intellektuelles Spiel"

Volksstimme: Was ärgert den Kabarettisten Frank Lüdecke mehr – menschliche Unzulänglichkeit oder politische Ungerechtigkeit?

Lüdecke: Ich kann mich natürlich über menschliche Unzulänglichkeiten aufregen, meine eigenen eingeschlossen. Insgesamt aber interessiere ich mich doch mehr für politische Angelegenheiten, wobei man beides oft nicht trennen kann. Politische Entscheidungen werden ja häufig auch aus persönlichen Motiven heraus gefällt. Dennoch liegt mein Augenmerk deutlich mehr auf öffentlichen Diskursen, wie beispielsweise Sarrazin.

Volksstimme: Den meisten Kabarettisten unterstellt man, dass sie nicht nur des Geldes wegen auf die Bühne gehen. Haben Sie noch die Hoffnung, mit ihren Programmen etwas zu bewirken?

Lüdecke: Es gibt diese kleine Pointe: Die Comedians machen es wegen dem Geld und die Kabarettisten wegen des Geldes. Aber im Ernst – ich glaube nicht, dass sich durch Kabarettprogramme irgend etwas verändert.

Für mich ist es mehr ein intellektuelles Spiel, bei dem sich jeder etwas herausnehmen kann, das für ihn interessant ist und seine Gedanken anregt.

Ich bin kein Agitprop-Künstler, der erwartet, dass die Leute danach ihren Energieanbieter wechseln oder eine andere Partei wählen.

Aber ich hoffe, mit meinen Programmen zur Auseinandersetzung mit bestimmten Themen anzuregen.

Und das scheint beim politischen Kabarett generell der Fall zu sein, denn schließlich wird es seit Jahrzehnten totgesagt. Streng genommen ist das politische Kabarett schon tot auf die Welt gekommen. Und dafür geht es ihm doch ausgesprochen gut.