Das Böse zieht die Menschen magisch an. Zwar möchte man davon nicht betroffen sein, aber es verursacht einen leichten, angenehmen Schauder, wenn man so aus sicherer Distanz beobachten kann, wie schlecht die Welt ist.

Wie anders ist die Faszination des Verbrechens zu erklären, das seit Jahrhunderten in Büchern und in jüngerer Zeit zusätzlich allabendlich auf dem Fernsehschirm das Publikum in den Bann schlägt. Der Krimi ist nicht umzubringen. Er liegt nach wie vor in der Gunst ganz vorn, weshalb das Fernsehen, ob nun öffentlich-rechtlich oder privat, dem Morden und Metzeln mehr Sendezeit einräumt als dem Fußball oder der Volksmusik. Tote bringen Quote wie keine andere Sendung.

Wohlgemerkt Tote. Jegliche andere Form der Kriminalität - und da gibt es noch einiges - scheint den Zuschauer bei weitem nicht so zu interessieren. Woher kommt diese Sehnsucht nach dem Krimi-Tod? Warum hat ein Heiratsschwindler oder ein Geldfälscher nicht ebenso ein Recht auf mediale Aufmerksamkeit? Man braucht gar keine wissenschaftliche Untersuchung, um festzustellen, dass es seit Jahren in den Fernsehkrimis ausschließlich um Leichen in jeder Form geht. Es reicht völlig, die Titel der einzelnen Folgen aneinanderzureihen.

Trotzdem haben sich Leute hingesetzt und gezählt. Wie viele Krimis zeigt allein das öffentlich-rechtliche Fernsehen in einer Woche, wie viele Tote kommen darin vor? Das Ergebnis ist recht stabil. Selbst an traditionellen Feiertagen der Nächstenliebe wird virtuell gemordet, was der Bildschirm hergibt. Und so kommt man auf die stattliche wöchentliche Zahl von etwa 70 gewaltsam aus dem Leben beförderten Personen. Nicht berücksichtigt ist dabei, dass in den Kinos das Leinwand-Blut, inzwischen auch in 3-D, ebenfalls in Strömen fließt.

Bleibt man beim Fernsehen, dann sind das knapp 300 Fernsehleichen im Monat und so grob über den Daumen in zehn Jahren dreieinhalb Tausend, die das Zeitliche unfreiwillig gesegnet haben. Ein Junge von zehn Jahren, regelmäßigen Fernsehkonsum vorausgesetzt, hat als junger Mann von 20 Jahren also bereits miterlebt, wie die Bevölkerung einer Kleinstadt brutal aus dem Leben gebracht wurde. Geht er dann auch noch öfter ins Kino, oder hat er gar ein passendes Computerspiel, dann wird auch schnell eine Großstadt daraus. Und da soll einem nicht angst und bange werden?

Man stelle sich nur einmal vor, ein vernunftbegabtes Wesen will die Erde besuchen und versucht, sich vorab ein Bild von den Menschen über die leicht zu empfangenden Fernsehprogramme zu machen. Es würde vermutlich das Grausen packen. Vielleicht hat uns deshalb noch keines besucht.

Und dabei haben die Inhalte der Montags- und Freitagskrimis, dazwischen gibt es auch noch jede Menge andere, überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Morde sind in der Kriminalstatistik das am seltensten vorkommende Delikt. Die Zahl bewegt sich seit 2007 so um die 300 aufgeklärte Fälle in Deutschland, allerdings für ein ganzes Jahr. Soviel verbrauchen die Fernsehkrimi-Macher in einem Monat! Und was soll man dann, sofern man sich wenigstens zahlenmäßig an die Realität halten wollte, in den übrigen elf Monaten zeigen? Heiratsschwindler? Geldfälscher? Ladendiebe?

Ein Kriminalpsychologe hat mal den Vorschlag gemacht, man möge den Krimiautoren so eine Art Deliktquote vorgeben, die sich an der Realität orientiert. Der Vorschlag wurde ziemlich schnell abgeschmettert. Wer will schon dauernd Tatorte mit Bankern sehen ...