Von Hans Walter

Halberstadt. Fünf, sechs, sieben Minuten? Wie lange kann ein Pas de deux die Akteure intensiv fordern mit brillanten Sprungschritten und Hebungen, mit Drehungen auf Spitze, mit Pirouetten und Developpes? Schier endlos in schwebender Leichtigkeit - so lange, wie die barocke Purcell-Arie "He\'s gone" für Oberon (Daniel James Butler) und Titania (Katia Alves des Alencar) dauert! Ein Höhepunkt der Stars des Balletts und musikalisch ein Glanzpunkt auch für Solovioline, Cello und menschliche Stimme.

Seit langer Zeit kam die Musik dieses Aufsehen erregenden Tanztheaters nicht von der CD, sondern wird in dieser Inszenierung vom Orchester, dem Damenchor (Einstudierung Jan Rozehnal) und den Sängerinnen Nina Schubert und Ildikó Szabó aufs Feinste musiziert.

Symeon Ioannidis am Pult formte die flirrende romantische Atmosphäre des Traumspiels mit den drei Ouvertüren zu "Ein Sommernachtstraum", zu "Die Hebriden oder Die Finngalshöhle", zur "Schönen Melusine" und der Sommernachtstraum-Schauspielmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy wunderschön auf den Punkt zu tänzerischer Bewegung aus, kontrapunktiert von barocker Strenge und Märchenhaftigkeit der Semi-Oper Henry Purcells "The Fairy Queen".

Fantasie, Geschick und Leidenschaft

Und so, wie weiland die Übersetzer Schlegel und Tieck dem jungen Mendelssohn und ganz Deutschland den Figurenkosmos Shakespeares nahebrachten, so vermittelt nun der Geschichtenfinder und Erfinder Jurasz die Stoffe des unsterblichen Briten auf dem Tanztheater: mit Fantasie, Können, Geschick und Leidenschaft. Das von ihm zu höchster Qualität geformte kleine Ballettensemble, angereichert durch den Damenchor des Nordharzer Städtebundtheaters, ist ihm ein wundervolles Instrument.

Die Geschichten des Athener Herzoghofes von Theseus und der Amazonenkönigin Hippolyta sind mit dem Spiel der Elfenkönigin Titania und des Elfenkönigs Oberon, der Adligen Hermia, Lysander, Helena und Demetrius wie auch mit den derb und (im wahrsten Wortsinn) ganz bewusst poltrig auftretenden Handwerkern im Traumgeweb der Nacht untrennbar verbunden. Alles fließt im Liebeszauber, jeder kann jeden lieben! Sogar die Elfenkönigin einen Esel (Gareth Sollars). Sogar ein Mann in neckender Vertrautheit einen Mann. Es ist ja nur ein Spiel. Ein Sommernachtstraum eben.

Kordula Kirchmair-Stövesand schuf in gewohnt hoher Qualität die Ausstattung. Den Hof zu Athen als Ahnengalerie, leicht zu verwandeln in den nächtlichen Wald aus Rankwerk und Pfauenaugen-Schmetterlingsflügeln. Alles schwebt im stimmungsvollen Licht (Wolfgang Richter). Ihre Akteure wandeln sich im Kostüm aus höfischer Strenge zu mit aller Körperlichkeit Suchenden - ein sehr ästhetischer Anblick. Tiana Lara Hogan, Marcelo Dono, Judith Speckmaier und Stefan Müller sind die Paare im tänzerisch anspruchsvollen Suchen und Finden, in Irrungen und Wirrungen. Und sprunggewaltig und verspielt in seinen Einfällen dazwischen Jaume Bonnin als Puck, als Spielmacher und Fädenzieher - der Liebling des Publikums.

Beim Handwerker-Mummenschanz und ihrem bitterernsten Spiel um das babylonische Liebespaar Pyramus und Thisbe (Gareth Sollars/Ute Karadimow), die aufgrund der Feindschaft ihrer Eltern in den Tod gehen, empfindet der Hof nur geheucheltes, eben "höfliches" Interesse. Die Paare haben sich nach der turbulenten Sommernacht - in der alles möglich schien - zur Hochzeit in edler Kleidung wieder zusammengefunden. Man tanzt jetzt den Reigen nach festen Regeln. Und - obwohl "jeder Deckel seinen Topf, jede Trulle ihren Tropf" fand - es wird ein ziemlich starres Leben sein. Gefangen in Ritualen und Konventionen. Das alles zeigt die Inszenierung von Jaroslaw Jurasz in ihren großen Bildern.

Schon während des Balletts gab es immer wieder Szenenapplaus der über 400 Premierenbesucher am Sonnabend - unter ihnen viel Jugend. Nach dem Finale steigerte er sich zu rhythmischem Klatschen und stehenden Ovationen. "Ein Sommernachtstraum" wurde zur Sternstunde des Tanztheaters und der Musik in Halberstadt.