Von Claudia Klupsch

Magdeburg. "Oben, ich bin oben ..." Ein Bild für die Götter: Rainald Grebe in seinem Klavier-Drehstuhl nach hinten gekippt, wirft sich wie irre hin und her, trommelt mit den Fäusten auf die Brust, er sei "oben, oben", singt er sich in Rausch. Roter Teppich klebe an seinen Füßen. Was er selbstironisch besingt, ist Tatsache. Rainald Grebe ist oben. Der Komödiant für "bildungsnähere Schichten" ist mit Preisen überhäuft, viele seiner Lieder sind Kult. Auf seiner Tour mit dem "Orchester der Versöhnung" trat er jetzt in der ausverkauften Magdeburger Stadthalle auf.

Rainald Grebe ist ein Unikum. Wer seine Kunst einordnen will, dürfte sich die Zähne ausbeißen. Ein bisschen Kabarett, Klamauk und Comedy, aber auch Konzert von Rock, Pop bis Jazz-Chanson. Betritt er die Bühne mit albernem Indianer-Kopfschmuck und Wichtigtuer-Miene, sind ihm erste Lacher gewiss. So auch in Magdeburg. Was folgt, ist eine skurrile Bühnenshow voller Sinn und Unsinn, voller Blödelei und Tiefgang. Die Quintessenz: Es ist verdammt witzig.

Die Bühne ist voll. Lange her die Zeiten, als Grebe solo am Klavier die Berliner Clubs beglückte. Jetzt sind\'s zehn Musiker, die die Bühne mit ihm rocken und mit denen Grebe das Gespräch sucht, ohne dass ein solches je zustande kommen sollte. Neben Drummer, Gitarristen und DJ sitzen die "Streicher", die mitunter mit ihren Instrumenten klassische Töne hören lassen dürfen. So kommt das Publikum etwa zum Hörerlebnis einer Schlacht Vivaldi versus Finster-Hardrock von "Heizöl". Köstlich. Überhaupt sind die Klänge, die ins Ohr dringen, vielfältig - sie reichen von Bass-Balalaika und Tuba bis zum Alpenhorn-Abflussrohr. Die Noten fügen sich keineswegs immer zu melodischem Genuss. Schräge Musik zu schräger Show.

Trotz Menschen- und Instrumentenfülle auf der Bühne - die Lichtgestalt bleibt im Licht. Sie bringt Gags zwischen den Liedern und lädt das Publikum etwa zum sinnfreien Handtaschentanz ein. Grebe gibt Kultlieder und neue Songs in einmaligem Grebe-Gehabe und -Mienenspiel zum Besten. "Wie kriege ich dieses Land in meinen Mund", fragt er sich selbst und erzählt vom Hier und Jetzt in dieser unserer Republik. Lästern und belustigen in "Mike aus Cottbus" und "Fetter Rolf". Er besingt das selige Anglerglück: "Meine Olle sitzt zu Hause, ich sitze am Stausee". In "20. Jahrhundert" rockt er munter "Ich habe das erlebt". Stoff zum Denken bietet "Letzter Tag".

Nichts ist dem Zufall überlassen

Nicht alle, aber doch die meisten Lieder erfreuen das Hirn durch schroff-witzige und ironische Texte. "Prenzlauer Berg" über Bionade-Bourgeoisie ("voll auf Litschi und Holunder") und Bio-Feuerwerk ist ein Hit. Sein Diktator-Lied könnte aktueller nicht sein. Demokratie braucht es nicht, denn "bei 40 Grad im Schatten kommt eh keiner ins Plenum".

Möge auch wirr wirken, was auf der Bühne abgeht. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles hat Theatermann Grebe wie ein Theaterstück einstudiert, die Pointen bis hin zum punktgenauen Lichteinsatz geplant. Das ist professionell, lässt aber wenig Raum für Spontanität. Witzig bleibt die Show allemal. Der Drei-Stunden-Dauer-Grebe geht jedoch an die Grenzen des Belastbaren. Nur Hardcore-Fans bekommen vermutlich nie genug.

Der Beweis, dass Sachsen-Anhalter gern gemeinsam mit Grebe über ihr Bundesland lachen können, wird am Ende erbracht. Doch das Lied vom "Land der Frühaufsteher" (O-Ton Grebe "scheiß Werbe-Agentur" wird mit Beifall bedacht) reicht an "Brandenburg" nicht heran. Grebe bringt den Kultsong als eine von mehreren Zugaben. "Ich fühl\' mich heut\' so leer, ich fühl\' mich Brandenburg", muss man einfach mitsingen, um dann pathetisch mitzuschmettern: "Berlin, Halleluja Berlin, Halleluja Berlin".