30 Jahre nach der Veröffentlichung seines Debütalbums "Reine Nervensache" geht Heinz Rudolf Kunze auf Jubiläumstournee durch Deutschland. Weil sein Konzert am 1. April im Alten Theater Magdeburg schnell ausverkauft war, plant der Musiker am 20. März dort einen zusätzlichen Auftritt. Vor seinem Tourstart hat Grit Warnat mit dem 54-jährigen Musiker, Germanisten, Literaten und Übersetzer gesprochen.

Volksstimme: Herr Kunze, Ihre Platte und Ihre Tour ist mit "Die Gunst der Stunde" überschrieben. Welche Gunst der Stunde wollen Sie denn nutzen?

Heinz Rudolf Kunze: Der Titel war ein Dank an die Situation im Studio, als wir diese Platte gemacht haben. Ich fand die Stimmung so harmonisch und erfreulich, dass ich dachte, solch ein Album hat solch einen Titel verdient. Ich bin es aus der Vergangenheit gewohnt, dass Platten hart erkämpft werden müssen, dass man sich viel und leidenschaftlich um Einzelheiten streitet. Eine so freundschaftliche Arbeit, bei der Blicke reichten, um zu wissen, was zu tun ist, habe ich selten erlebt. Deshalb dieser Titel, den ich schon jahrelang mit mir herumtrage. Jetzt hat er endlich gepasst.

"Ich gucke immer nur nach vorne"

Volksstimme: Am 19. März startet Ihre Tour. Es ist Ihr 30. Bühnenjahr. Was geht da in Ihnen vor? Richten Sie den Blick nach vorn oder eher zurück?

Kunze: Ich denke von diesem Augenblick an bereits an das 40-jährige Jubiläum. Ich gucke immer nur nach vorne, weil ich noch so viel Material, so viele Songs im Kopf habe, die ich den Menschen gern anbieten möchte. Ich nehme so ein Jubiläum zur Kenntnis, hänge es aber nicht sehr hoch.

Volksstimme: Ihr neues Album ist für die "radikal Verliebten dieser Welt", wie sie singen. Ist das ein neuer Heinz Rudolf Kunze?

Kunze: Ich habe in der Vergangenheit viele nachdenkliche und manchmal auch düstere Lieder gemacht. Diesmal war viel Spaß dabei, die freundlichen Farben in den Vordergrund zu stellen. Das heißt aber auch, dass es nach wie vor Lieder gibt, die nachdenklich sind. Aber das ist nicht die Mehrheit der Lieder. Ich denke, ich hatte noch ein bisschen Nachholbedarf an positiven Bildern.

Volksstimme: Ist es ein bewusstes Wählen der leichteren Kost?

Kunze: Es ist der Versuch, ein Album zu machen, das alltagstauglich ist. Ein Album, das man mit Spaß durchhören kann, ohne unbedingt nachgrübeln zu müssen, was der Sänger einem denn jetzt sagen will. Die heiteren, freundlichen Töne waren Absicht. Und dieser Plan ist auch aufgegangen. Das hat mich ehrlich gesagt überrascht, denn ich habe schon oft erlebt, dass man sich einen Plan macht für ein Album und dann kommt doch etwas ganz anderes heraus.

Volksstimme: Spiegelt das Album Ihre momentane Gefühlswelt wider?

Kunze: Ja das tut es, aber das ist Nebensache. Für mich ist nicht die Hauptfrage, wie es dem Sänger geht, sondern wie es den Menschen gefällt.

Volksstimme: Aber hätten Sie "Ich liebe Dich" vor 15, 20 Jahren schon schreiben können?

Kunze: Das hätte ich sicherlich schreiben können, nur ich hätte es vor 15 Jahren nicht veröffentlicht. Ich hätte damals nicht den Mut gehabt, so etwas Offensives den Leuten anzuvertrauen.

Volksstimme: Sie sind Germanist, Literat. Welchen Anspruch stellen Sie an Songtexte?

Kunze: Ich habe keinen Anspruch. Ich möchte, dass die Texte gut sind, dass sie originell formuliert sind, dass sie Spaß machen. Ich bin ein Unterhalter. Das bin ich immer gewesen, früher und heute.

"Es gibt nicht diesen Zick-Zack-Kurs"

Volksstimme: Sie haben einmal gesagt, Ihre Platten sind musikalisch wie ein Chamäleon. Sie meinen damit die Vielfarbigkeit. Ist Ihr neues Album für Sie auch wie ein Chamäleon?

Kunze: Wenn ich auf etwas stolz bin bei dem neuen Album, dann ist es die Tatsache, dass es nicht solch ein Chamäleon ist, sondern dass die Sachen besser zusammenpassen und ein organisches Ganzes ergeben. Es gibt nicht diesen Zick-Zack-Kurs, wie ich ihn oft früher gefahren bin. Freunde hatten mich darauf angesprochen und gesagt, es sei manchmal anstrengend, die Platten durchzuhören. Ich würde eine Stimmung aufbauen und sie im nächsten Moment wieder kippen. Deshalb wollten wir ein Ding aus einem Guss. Ich denke, dem sind wir recht nahe gekommen.

Volksstimme: Und wie wird es auf der Tournee sein?

Kunze: Da muss und will ich einen Überblick geben über 30 Jahre und zeige hoffentlich alle Seiten, die ich hatte und habe. Aber das neue Album ist auf der Tour der Schwerpunkt. Die Hälfte der Konzerte gehört auf jeden Fall der "Gunst der Stunde".

Volksstimme: Sie singen auf ihrem Album, dass Wunder möglich sind. Was wäre für Sie denn noch ein Wunder?

Kunze: Ich hoffe, dass ich das, was ich bisher gemacht habe, weiter machen darf und kann. Ich mache ja so viele verschiedene Dinge, die mit Musik und Worten zu tun haben, das ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann.