Ein 85 Jahre alter Film. Neue Musik dazu. Beides für sich schon sehr beeindruckend. In Symbiose ist es zu einem faszinierenden Erlebnis geworden. Auf der Dessauer Bauhausbühne gab es am späten Freitagabend zum Kurt Weill Fest die Uraufführung einer Neukomposition von Renaud Garcia-Fons zu sehen.

Von Helmut Rohm

Dessau-Roßlau. Die Berlinerin Lotte Reininger (1899-1981), die eigentlich Schauspielerin werden wollte, war bereits in ihrer Jugend von der chinesischen Kunst des Schattenspiels fasziniert. Sie entwickelte ihre Scherenschnitttechnik so sehr bis zur Perfektion, dass damit Filmvorspänne und Kurzfilme gestaltet werden konnten. Von 1923 bis 1926 arbeitete sie auf Anregung eines Berliner Bankiers an dem ersten abendfüllenden Animationsfilm der Filmgeschichte überhaupt: "Die Abenteurer des Prinzen Achmed".

Das Negativ des Filmes, auch die von Wolfgang Zeller komponierte Original-Filmmusik gingen in den Kriegswirren verloren. Erst 1989 wurde der Film wieder vom deutschen Filmmuseum Frankfurt restauriert.

Lotte Reiniger arbeitete in den 20er und 30er Jahren auch mit Paul Dessau, Kurt Weill und Paul Hindemith zusammen. Das Kurt Weill Fest 2011 im Zeichen der Berliner Schaffensperiode Kurt Weills hat eine Neukomposition der Filmmusik an den französischen Komponisten und Kontrabassisten Renaud Garcia-Fons in Auftrag gegeben.

Er und sein Ensemble mit Henri Tournier (Bansuri und Bassflöte), Franck Tortiller (Marimbaphon), Bruno Caillat (orientalische Percussion), Claire Antonini (Laute, persische Tár) und David Venitucci (Akkordeon) spielt auf der Bauhausbühne live zu dem gleichzeitig laufenden Film mit seinen fünf Akten und Zwischentexten.

Ein Stück voller Abenteuer und Fantasie

Die Geschichte für ihren Film erfand Lotte Reiniger selbst. Anregungen dazu fand sie in den faszinierend-fantastischen Geschichten aus Tausendeuneiner Nacht.

Ein böser afrikanischer Zauberer, die schöne Kalifentochter Dinarsade, deren Bruder Achmed, ein fliegendes Zauberpferd, die geheimnisvolle Zauberinsel Wak Wak, die schöne Fee Pari Banu, der Flug nach China und der chinesische Kaiser, eine gute Hexe, Aladin mit der Wunderlampe, viele abenteuerliche und fantasievolle Ereignisse, Kämpfe mit den Dämonen und viel Leidenschaft und Liebe machen die Handlung aus. Und es gibt ein Happy End.

Lotte Reiniger schnitt selbst die etwa 80 000 Einzelbilder aus schwarzem Karton. Mehr als 300 000 Einzelaufnahmen wurden gemacht. Lediglich Kopf, Arme und Beine waren mit Drähten beweglich befestigt, um die Einzelbilder zu stellen.

Für eine Sekunde Film mussten 24 Einzelaufnahmen gefertigt werden, um "die Bilder zum Laufen" zu bringen. Die Figuren sind sehr filigran und charakterbeschreibend geschnitten, die pantomimisch geprägten Bewegungen erscheinen ungemein vielfältig. Ausdrucksstarke Gestik und Mimik der Figuren lassen Leidenschaften nachvollziehen.

Diese emotional geprägte Gefühlsvielfalt und ebenso aktionsreiche Handlungen begleitet und potenziert die Komposition von Renaud Garcia-Fons. Das Publikum wird durch das meisterliche Spiel der teils traditionellen fernöstlichen Instrumente, solo und/oder im Zusammenspiel, in den Orient "entführt".

Bilder und Rhythmus

Musikalisches Zentrum der Komposition ist Renaud Garcia-Fons mit seinem sehr variabel gespielten fünfsaitigen Kontrabass. Aktionsreiche Handlungen wie der Flug des Zauberpferdes oder der Angriff der Dämonen erfahren perkussionsintensive Begleitung. Szenenwechsel: Von der Laute her klingen zarte Liebesmelodien. Ebenso wird die sehr stimmige Synchronität von Handlungsabläufen und Rhythmus erlebnisfördernd gespürt.

Es passt eben alles zusammen. Auch das begeisterte Premierenpublikum im ausver-kauften Saal der Bauhausbühne zeigte sich begeistert von der Aufführung.

Nach andalusischer Musik als Zugabe verabschiedete sich das französische Ensemble.