Eigentlich schade - da hat man sich im Laufe der Jahre nicht nur daran gewöhnt, sondern sogar damit abgefunden, dass Superstars, die nie welche waren oder werden, das Sonnabendabendprogramm beherrschen. Und dann muss man plötzlich feststellen, dass RTL mit "DSDS" die Gürtellinie noch ein bisschen weiter verschoben hat. Terror statt Trällerei, Gemeinheit statt Gesang, Quote statt Qualität.

Von F.-René Braune

Magdeburg. Nein, DSDS kann nicht schlecht sein, sonst würden ja nicht jeden Sonnabend Millionen Zuschauer einschalten. Und so viele Menschen werden sich ja wohl kaum irren.

Das kann man als These getrost stehen lassen, denn selbst als kritische Betrachter zu wertende Meinungsmacher wie die Kulturredaktionen überregionaler deutscher Zeitungen haben ihre Sichtweise auf die nicht enden wollende Superstar-Suche ebenso schrittweise wie kontinuierlich gewandelt: Von purer Ablehnung, von der Charakterisierung als Unterschichten-Televison kam man langsam und wohl auch ein bisschen unfreiwillig zu der Ansicht, dass man ja nicht ständig verhöhnen könne, was doch so viele Menschen mögen. Aber das sollte man nicht zu negativ sehen, auch die Betrachtung dessen, was man - im wahrlich weitesten Sinn des Wortes - als Kultur bezeichnet, unterliegt den Launen des Zeitgeistes.

Wobei man - um der Wahrheit die Ehre zu geben - nicht verschweigen sollte, dass der jugendliche Wettstreit in den vergangenen Jahren tatsächlich an Qualität gewonnen hatte. Die einstige Freakshow schien wirklich auf dem besten Weg zu sein, verborgene Talente ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken oder gelegentlich auch zu zerren.

Wenn man dann auch noch gewillt ist, die Suche nach dem "Supertalent" in die eigene Betrachtung und Bewertung des RTL-Casting-Geschehens einzubeziehen, lassen Namen wie Vanessa Calcagno oder Freddy Sahin-Scholl sogar überaus angenehme musikalische Erinnerungen wach werden - um nur zwei Beispiele zu nennen. Das hat allzu kritische Geister versöhnt und manche Sichtweise relativiert.

Selbst Dieter Bohlen war das zuviel

So weit, so gut, wenn es denn dabei geblieben wäre. Ist es aber nicht. Denn bei der neuen "Präsentations-Strategie des Formates DSDS" beschreitet RTL Wege, die mittlerweile selbst dem nicht unbedingt für seine Feinfühligkeit bekannten Haupt-Juror Dieter Bohlen befremdlich erscheinen: In der Motto-Show am vergangenen Sonnabend beklagte er, dass es bei DSDS kaum noch um den Gesang der Kandidaten, sondern nur noch um deren zwischenmenschliche Rivalitäten, um den "Zickenterror" gehe, der in jeder Sendung genüsslich offeriert wird.

Gemessen an der Geamtlänge einer solchen Show machen die Live-Auftritte der Kandidaten inzwischen nur noch einen fast verschwindend gering erscheinenden Bruchteil aus - dominiert wird die Sendung von Einspielfilmchen, die das grauenhafte Gegeneinander der Kandidaten in der DSDS-Villa zeigen. Von "Hass" ist darin die Rede, dass man sich gegenseitig "asozial" finde und - als wenn das noch nicht genug wäre - wird gefilmt, wie junge Mädchen unter der Last des vermeintlichen Psychoterrors ohnmächtig zusammenbrechen.

Vermeintlich, weil man guten Gewissens davon ausgehen kann, dass hier aus "dramaturgischen" Gründen von RTL im übelsten Sinn des Wortes inszeniert, verknappt, überspitzt und dramatisiert wurde, um auch wirklich jede Schlüsselloch-Perspektive zu bedienen. An junge Menschen, die auf erbauliche Weise singen können, sind wir ja gewöhnt, da muss man noch ein bisschen zulegen, damit wir bei der Stange bleiben.

Nun könnte man natürlich anführen, dass Manipulation und ausgeklügelte Psychotricks seit jeher Konzept bei DSDS waren - die wenigsten der bisherigen Kandidaten hatten eine normale Kindheit, gesunde Eltern, eine solide Schulbildung oder gar einen guten Job. Der Eindruck, dass Jugendliche mit Schicksalsschlägen und dem damit verbundenen Mitleidsbonus besonders gut singen können, war nahezu unvermeidlich.

Larmoyanz bis ins Unerträgliche

Was aber den Zuschauern und Kandidaten jetzt zugemutet wird, treibt die bisherige Larmoyanz-Strategie ins Unerträgliche, weil sie nur noch mit dem Attribut "perfide" bewertet werden kann.

Natürlich muss man akzeptieren, dass RTL keinen Chorwettstreit im idyllischen Wernigerode bestreitet und finanziert, sondern schlicht und einfach Geld verdienen will. Wenn die "DSDS" -Macher jedoch weiter auf diesem Kurs bleiben und junge Menschen - ganz gleich, ob inszeniert oder real - für die Quote zusammenbrechen lassen, dann ist die Sendung wieder dort angelangt, wo sie begonnen hat. Allerdings sind dann nicht mehr die Kandidaten die Freaks, sondern die Programmverantwortlichen.