Von Wilfried Mommert

Berlin (dpa). Bruno Ganz war "Kleists Traum vom Prinzen Homburg" in Peter Steins Berliner Schaubühne und erregte großes Aufsehen mit seinem gespenstischen Auftritt als Adolf Hitler in dem Eichinger-Film "Der Untergang". Der Schweizer Schauspieler verkörperte Hitler so unheimlich und verstörend, dass er immer wieder mit dieser Rolle identifiziert wird. Der gegenwärtige Träger des Iffland-Rings als der "bedeutendste und würdigste Schauspieler deutscher Sprache" blickt auf eine reiche Karriere als Film- und Theaterschauspieler zurück.

Er ist auch im Alter noch international als Filmstar gefragt - allein im letzten Jahr drehte er vier Filme, darunter mit Liam Neeson den Hollywood-Thriller "Unknown Identity". Seinen 70. Geburtstag morgen feiert der in Venedig, Berlin und seiner Heimatstadt Zürich lebende Ganz mit seinem Sohn und seiner Lebensgefährtin, der Theaterfotografin Ruth Walz.

Ansonsten steckt er mitten in den Vorbereitungen zur Verleihung des Deutschen Filmpreises (am 8. April in Berlin), der von der Deutschen Filmakademie verliehen wird, an deren Spitze er zusammen mit Iris Berben steht. Das Kino ist jetzt seine Welt, dort brillierte er zuletzt auch in Filmen wie "Brot und Tulpen", "Der Vorleser" und "Der Baader-Meinhof-Komplex" (als Chef des Bundeskriminalamtes). Mit dem Theater, seinen Wurzeln, hat Ganz nichts mehr am Hut - "keiner von diesen Bundesliga-Erste-Sahne-Regisseuren im deutschen Theater lässt Identifikation zu".

Der sensibel-grüblerische Melancholiker mit den lächelnden Augen wurde als Filmschauspieler einem größeren Publikum zunächst durch die Wim-Wenders-Filme "Der amerikanische Freund" von 1977 und "Der Himmel über Berlin" (1987) bekannt. Dabei war Ganz damals schon unter Theaterliebhabern durch seine Zusammenarbeit vor allem mit Peter Stein in Berlin eine Berühmtheit auf der Bühne. Vielen Älteren unvergessen ist seine Darstellung in Goethes "Torquato Tasso" 1969 in Bremen und als Ibsens Bauernsohn Peer Gynt 1971 an Peter Steins Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer.

Ein Höhepunkt seiner Theaterkarriere sollte auch Goethes "Faust" (wieder ein Grübler) in Peter Steins ebenso spektakulärer wie monumentaler, 13-stündiger Inszenierung zur Weltausstellung 2000 in Hannover werden, eine Rolle, die er wegen eines Bühnenunfalls erst in den späteren Vorstellungen in Berlin übernehmen konnte.

Der am 22. März 1941 in Zürich-Seebach geborene Sohn eines Schweizer Arbeiters und einer Norditalienerin galt schon in der Schule als eher introvertiert und schwer zugänglich, weil er immer aus dem Fenster starrte. Der Träumer roch bald Theaterluft und ging 1962 für sein erstes festes Engagement nach Göttingen zu Heinz Hilpert, der Theaterschmiede, wo auch Götz George seine ersten Sporen verdiente. Es folgten Engagements an den großen Bühnen in Deutschland, der Durchbruch war in den 70er Jahren seine Zusammenarbeit mit Stein in Berlin, die ihm auch den Weg auf die große Leinwand eröffnete.

Er filmte mit Eric Rohmer in Kleists "Die Marquise von O.", für die er 1976 den Deutschen Filmpreis erhielt, sowie "Die linkshändige Frau" von Peter Handke (1977), "Messer im Kopf" von Reinhard Hauff (1978), "Nosferatu" von Werner Herzog (1979) und "Die Fälschung" von Volker Schlöndorff (1981).

Seinen jüngsten Film, eine deutsch-französische Koproduktion, hat er gerade in Frankreich abgedreht, "Sport de filles", in dem Ganz einen Pferdetrainer spielt. Im Fernsehen machte er sich eher rar. Einen "Tatort"-Kommissar hätte er gerne mal gespielt, aber dafür sei er jetzt zu alt, meinte er.