Hamburg (dpa). Bundespräsident Christian Wulff hat den Beitrag des Schriftstellers Siegfried Lenz zum wiedergewonnenen Ansehen Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gewürdigt. "Unser Land hat Ihnen sehr viel zu verdanken und tut gut daran, immer wieder auf Sie zu hören", sagte Wulff gestern in Hamburg bei einer Matinee zum 85. Geburtstag des Schriftstellers. Der gebürtige Ostpreuße habe - wie auch Heinrich Böll und Günter Grass - die politische Versöhnung mit Polen mit vorbereitet. In 37 Sprachen übersetzt, habe Lenz tief anrührende Weltliteratur geschaffen.

Wulff erinnerte daran, dass Lenz die Ostpolitik des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) unterstützt und ihn 1970 zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages begleitet habe - eines Vertrages, der auch für Lenz den endgültigen Verlust der Heimat besiegelte. "Aufarbeitung ist Ihre Sache, Verdrängung ist Ihre Sache nicht", sagte der Bundespräsident. In Romanen wie "Deutschstunde" (1968) und "Heimatmuseum" (1978) hat Lenz die Nazi-Zeit und den Heimatverlust zum Thema gemacht.

Vor rund 400 Ehrengästen, darunter Literaturnobelpreisträger Günter Grass und Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), nannte Wulff den Autor eine der ganz großen Stimmen der deutschen Literatur. "Wir ehren einen Schriftsteller, der uns gelehrt hat, uns unseren Ängsten zu stellen, der uns die Folgen menschlichen Größenwahns und menschlicher Hybris vor Augen führt", sagte das Staatsoberhaupt in der vom NDR-Fernsehen live aus dem Rolf-Liebermann-Studio in Hamburg übertragenen Feier.

Es gebe nicht viele Schriftsteller, die so geliebt werden. "Er ist kein Blender, kein Artist, der glänzen will." Vielmehr zeige Lenz die Abgründe des Menschen auf, aber in jedem Scheitern finde Lenz auch Momente des Gelingens. Lenz entmutige seine Leser niemals.

Lenz selber bekannte, dass jeder Autor von seinen persönlichen Erfahrungen schreibe und insofern ihm gewisse Themen vorgegeben gewesen seien - und daraus sich das politische Engagement erklären lasse. Allerdings finde er die Erwartung an Schriftsteller, sie sollten sich pünktlich zu Wort melden, Einspruch erheben, "Oberkellner der Aktualität" sein, "fehlgeleitet, absurd". Bei der Matinee las Lenz erstmals aus seinem neuen, noch nicht beendeten Manuskript "Die Maske", in dem es auch um die Rollen geht, die Menschen im Alltag spielen.